Umschau | 19.07.2011 | 20:15 Uhr : Brachiale Raubzüge mit Rohrbomben
Gesprengte Geld-, Zigaretten- oder Fahrkartenautomaten sind keine Seltenheit mehr. Diebe gehen bei ihren Raubzügen immer brachialer vor und auch Hobbybastler testen ihre Konstruktionen aus. Die Polizei ist den Tätern auf der Spur. Es warten drastische Strafen.
Ende März ist in Plauen mit brachialer Gewalt ein Zigarettenautomat in die Luft geflogen. Der Sprengsatz war eine selbst gebastelte Rohrbombe. Mittlerweile hängt ein neuer Automat in Plauen, dennoch hat die Explosion Spuren hinterlassen. Die Familie in der Wohnung direkt über dem Automaten hat die Eindrücke von damals nicht vergessen. Seit dem Vorfall lebt sie in großer Angst vor weiteren Sprengungen.
Der Betreiber des Automaten hat einen solchen Aufbruchversuch noch nicht erlebt. Jörg Thiede von der "Tabakwelt" staunt noch heute: "Unerklärlich. Wir haben alle nur mit dem Kopf geschüttelt, so eine Gewalt gegenüber einem Automaten zu bringen, ist eine sinnlose Geschichte." Die Folgen muss seine Firma ausbaden: Weil die Automaten nicht versichert sind, trägt die Kosten für den Schaden immer der Aufsteller.
Serientäter aus Sachsen
Aber nicht nur Zigarettenautomaten geraten ins Visier der Bombenbastler. Anfang des Jahres jagten Täter aus Sachsen mehrere Fahrkartengeräte der Deutschen Bahn in die Luft. Ihr Beute-Streifzug auf insgesamt zwölf Terminals begann Mitte Januar in Sachsen. Nacheinander sprengten die Bombenbastler zwei Geräte in Mockrehna und Dahlen. Eine Woche später zündeten sie Sprengsätze an Ticketautomaten der Bahnhöfe Grimma und Riesa. Wenige Tage danach wurden sie an den Bahnhöfen in Bad Kösen und Weißenfels aktiv. Sogar bis Südbrandenburg und Nordbayern dringen die Bomber vor. Ihre Beute beläuft sich auf gut 20.000 Euro.
Zweierlei Tätergruppen
Volker Lange, Kriminaldirektor beim Landeskriminalamt Sachsen unterscheidet zwei Gruppen von Tätern: "Bei Sprengstoffanschlägen auf Automaten haben wir es sehr oft mit hochkriminellen Tätern zu tun, die ans Geld wollen und deshalb die Automaten wegsprengen", trennt er die Profis von den Sprengstoff-Fanatikern: "Wir haben aber auch jugendliche Bastler, Freaks, die möchten mal ausprobieren, wie der Sprengstoff funktioniert, einfach Hobbybastler, die ein völlig überzogenes Verhältnis zu Sprengstoff haben." So geht die Polizei im Fall in Plauen beispielsweise eher von einem Bastler als einem Gelddieb aus, denn viele der Münzen lagen nach der Detonation noch neben dem Automaten.
Vorgehen nach gleichem gefährlichem Prinzip
Wie die "Umschau" bereits berichtete, besteht die Besonderheit einer Rohrbombe in ihrem starken Metallmantel. Auffällig auch: Die Vorgehensweise der Kleinkriminellen ist oft ähnlich. An der Schwachstelle des Automaten, dem Ausgabeschacht, platzieren die Täter ihre Bombe.
Wie verheerend die Wirkung von selbstgebauten Sprengsätzen ist, hat ein Versuch auf dem Testgelände des Landeskriminalamtes Sachsen gezeigt. Bis zu 200 Meter weit können die Metallsplitter einer Rohrbombe fliegen. Automatenbomber bringen mit ihren brachialen Methoden somit nicht nur sich selbst, sondern auch Menschen in unmittelbarer Nähe des Tatortes in Gefahr.
Kriminaldirektor Volker Lange schildert, wie heikel der Umgang mit den Sprengsätzen ist: "Selbstgebaute Bomben haben immer eine große Gefahr, niemand weiß genau, wie stark die Sprengkraft ist und wie schnell sie zünden. Sie nehmen ja auch Zündvorrichtungen, da weiß keiner so richtig, dauert es fünf Sekunden oder 10 Sekunden. Das kann schwerste Verletzungen fordern, wenn nicht sogar den Tod." Geht irgendwo ein Automat in die Luft, sind die Sprengstoffexperten des LKA meist die Ersten vor Ort. Mit Sicherheitsanzügen ausgerüstet und einer speziellen Kapsel werden noch vorhandene Sprengsätze gesichert abtransportiert.
Bandendiebstahl wird hart bestraft
Auch die Bomber aus Sachsen gingen bewusst ein Risiko ein, als sie insgesamt neun Mal Bahnautomaten in die Luft sprengten. Eine Serie, die auch bei der Staatsanwaltschaft nicht mehr als Kavaliersdelikt gilt. "Wenn sich mehrere Personen zusammen tun, dann wird die Strafe in aller Regel härter. So haben wir neben der Straftat des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion auch den schweren Bandendiebstahl auch mit als Straftat", erklärt Ricardo Schulz von der Staatsanwaltschaft Leipzig. Im schlimmsten Fall drohen den Automatensprengern bis zu 15 Jahre Gefängnis.
Bei den Tätern handelt sich um vier junge Männer, die zum Teil schon strafrechtlich in Erscheinung getreten waren, und die sich zur Begehung dieser Taten zusammen geschlossen hatten. Nach ihrer Festnahme gestanden alle, gegen sie wurde mittlerweile Anklage erhoben. Seither gab es keine weiteren Anschläge mehr auf Automaten der Deutschen Bahn, wie die ermittelnde Polizeidirektion versichert. Scheint also, als hätte man die Richtigen geschnappt.
