Umschau | 29.11.2011 | 20:15 Uhr : Nicht jede Bandscheiben-OP ist medizinisch notwendig
Viele Deutsche klagen über Rückenschmerzen. Viele Ärzte operieren, um zu helfen. Jährlich gibt es rund 300.000 Rücken-OPs. Eine solche OP kostet bis zu 15.000 Euro. Doch sie gewährleistet weder ein schmerzfreies Leben danach, noch ist sie in jedem Fall medizinisch notwendig, meinen Spezialisten.
Holger H. überfiel unerwartet ein stechender Schmerz im Rücken. Sein Arzt schlug ihm eine Operation an der Halswirbelsäule vor. Doch der Patient war skeptisch und sah die Gefahren dieser OP. Er holte eine zweite Meinung von einem Schmerzmediziner ein. Dr. Michael Küster stellte fest, dass die Diagnose des ersten Arzt nicht richtig sei und eine OP daher nicht notwenig. "Das Hauptproblem des Patienten ist die verkürzte und gereizte Muskulatur", so die Diagnose des Schmerzmediziners. Er verschreibt Physiotherapie zur Stärkung der Muskulatur und Spritzen gegen die Schmerzen. Das Programm kostet 2.500 Euro. Für die OP wären nach Angaben der Krankenkasse rund 7.000 Euro fällig geworden. Die von Dr. Michael Küster verschriebene Therapie zeigt Erfolge bei Holger H. Die Schmerzen sind so gut wie weg.
Experte: Ärzte stellen Fehldiagnosen
Der Schmerzmediziner Dr. Michael Küster prüft in Zusammenarbeit mit der Krankenkasse regelmäßig, ob eine OP sinnvoll ist. Bei neun von zehn Patienten rät er von einer Operation ab. Seiner Ansicht nach ist eine Operation wirklich nur dann sinnvoll, wenn die Beschwerden eindeutig auf die nachgewiesene anatomische Veränderung zurückzuführen sind. Denn, woher der Schmerz tatsächlich kommt, wird nicht immer richtig festgestellt. Oft zählt nur, was auf dem Röntgenbild zu sehen ist. Das aber, meint Dr. Michael Küster, sei nicht immer die Ursache für die Beschwerden.
Insider: Kommerzielle Interessen als Grund für OP-Empfehlung
Hinter der Empfehlung zu einer OP stünden auch kommerzielle Interessen, sagt Dr. Martin Marianowicz. Er hat früher in einer Rückenklinik gearbeitet und spricht aus Erfahrung: "Mein alter Chef hat immer gesagt: 'Herr Marianowicz, bei den Bandscheiben-Patienten dürfen wir nie eine Wartezeit von mehr als sechs Wochen haben, sonst haben wir nichts mehr zu operieren." Mit anderen Worten, operieren, bevor das Problem des Patienten von selbst verschwindet. Denn das ist häufig der Fall. Nicht nur Chirurgen verdienen an einer OP, auch Orthopäden. An den Vor- und Nachsorgeuntersuchungen nämlich. Jährlich werden rund 40 Milliarden Euro für die Behandlung von Rückenleiden ausgegeben.
