Umschau | 11.09.2012 | 20:15 Uhr : Neustart: Mit kleinem Budget zum eigenen Geschäft
30.000 Mitarbeiter, zumeist Frauen, verloren durch die Insolvenz des Drogerie-Riesen Schlecker ihren Job. Viele von ihnen suchen bislang vergeblich einen neuen Arbeitsplatz. Doch jetzt machen einige Frauen mobil: Sie wagen den Schritt in die Selbstständigkeit und wollen eigene Läden eröffnen.
Die erste Erfolgsmeldung kommt aus dem pfälzischen Weinort Maikammer: Hier eröffnete eine ehemalige Schlecker-Angestellte ihre eigene Drogerie. Nun gibt es auch in Thüringen eine mutige Dame. Margit Wilhelm arbeitete fast zwei Jahrzehnte als Filialleiterin bei Schlecker. Mit der Insolvenz verlor auch sie ihren Arbeitsplatz. In Sonneberg will die 57-Jährige nun ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnen. Trotz ihrer Berufserfahrung ist sie vorsichtig, holt sich überall Rat: bei der Stadtverwaltung, im Wirtschaftsministerium, bei der Agentur für Arbeit, mehreren Banken und der IHK.
Ein ermutigendes Vorbild findet Margit Wilhelm schließlich in dem 600-Seelen-Ort Böhlen in Thüringen. Böhlens Dorfladen ist der Tante-Emma-Laden des 21. Jahrhunderts: Es gibt Fleisch und Wurst aus der Nachbarschaft, ein Bestellsystem und einen Bringservice. Seit 1930 versorgt der kleine Dorfladen den Ort. Doch nach der Wende war erst einmal Schluss. Die nächsten Lebensmitteldiscounter - sieben Kilometer entfernt - übernahmen die Versorgung. Doch die Böhlener wollten wieder in ihrem Ort einkaufen und gründeten 2008 den Verein "Unser Dorfladen Böhlen".
Anschubfinanzierung leistete die Gemeinde mit 18.000 Euro. Dazu kamen 28.000 Euro Fördermittel für Renovierung und Ausstattung. Jedes Vereinsmitglied zahlte einmalig 50 Euro. Dadurch kamen weitere 3.500 Euro zusammen. Insgesamt 50.000 Euro Investitionskosten standen dem Verein zur Verfügung. Der Laden wurde eröffnet, kämpft aber seither ums Überleben, denn der Ort hat zu wenig Einwohner und der Laden damit zu wenig Käufer.
Neben dem Böhlener Dorfladen-Konzept fand Margit Wilhelm im Internet noch andere Varianten, wie das Tegut-Modell, eine Art Franchise-Unternehmen. In Krauthausen bei Eisenach besuchte sie das "Lädchen für alles", das nach diesem Modell arbeitet und auf das alt vertraute Tante-Emma-Konzept setzt. Das Tegut-Konzept basiert auf einem Handelsvertretervertrag. Die Ware bleibt Eigentum von Tegut, das Unternehmen stellt außerdem die komplette Einrichtung zur Verfügung. Der Betreiber zahlt lediglich eine Inventarmiete. Darüber hinaus hat er keinerlei Vorlauf- und Investitionskosten, lediglich eine Bankbürgschaft von 20.000 Euro muss er als Sicherheit hinterlegen. Die Suche nach günstigen Lieferanten und das Zusammenstellen des Warensortiments entfallen ebenfalls. Darin liegt aber auch ein Nachteil: Jeder Tegut-Laden muss Bioware anbieten, und die ist bekanntlich teuer. Um von dem Ertrag des Ladens leben zu können, müsste Margit Wilhelm einen Brutto-Jahresumsatz von 600.000 Euro schaffen. Realistisch wäre das nur bei einer Einwohnerzahl von 1.500.
Vor Kurzem startete die Gewerkschaft Verdi mit Unterstützung der Landesregierung in Baden-Württemberg ein Modellprojekt für ehemalige Schlecker-Frauen, die wie Margit Wilhelm eine ehemalige Schlecker-Filiale übernehmen wollen, ohne Eigenkapital zu besitzen oder einen Kredit aufnehmen zu wollen.
Margit Wilhelm lebt in Thüringen und kommt nicht in den Genuss des Verdi-Modells. Obwohl sie weiß, dass ein Dorfladen nicht viel Geld bringen wird, hält die ehemalige Schlecker-Frau an ihrem Ziel fest: Sie will wieder arbeiten, im eigenen Dorfladen, und das möglichst bald.
