Umschau

Umschau | 22.11.2011 | 20:15 Uhr : Großangelegter Tachobetrug in Sachsen

Fast jeder dritte der 6,4 Millionen in Deutschland verkauften Gebrauchtwagen hat einen gefälschten Kilometerstand. Auch Autohändler sind in solche Betrugsfälle verwickelt.

Tacho

In Sachsen wurde eine Serie von Tachomanipulation aufgedeckt. Ein Autohändler aus Mülsen in Südwestsachsen soll in 148 Fällen Kilometerzähler von Gebrauchtwagen zurückgedreht haben, um so einen höheren Kaufpreis zu kassieren. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Zwickau der "Umschau". Nach Behördenangaben sind alle Geschädigten informiert worden. Zum Ausmaß des Gesamtschadens machte die Ermittlungsbehörde keine Angaben. Nach Expertenschätzungen könnte der Schaden eine Höhe von bis zu einer halben Millionen Euro erreichen.

Den Verdacht, dass im Mülsener Autohaus betrogen worden sei, äußerte ein früherer Angestellter des Unternehmens gegenüber der Polizei. Daraufhin sei es zur Durchsuchung im Autohaus gekommen, bei der zahlreiche Belege für eine Straftat gefunden worden seien, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Sie würden den Schluss zulassen, dass die Tachostände beim Einkauf der Fahrzeuge höher waren als beim Verkauf. In vielen Fällen ist bislang unklar, in welchem Umfang die Tachos manipuliert worden sind. Bei einem Pkw konnte Rechtsanwalt Klaus-Uwe Adler, der einen Autohauskunden vertritt, die Historie des Gebrauchtwagens rekonstruieren. Nach seinen Informationen hat der Vorbesitzer den Pkw an den Autohändler mit einem Kilometerstand von rund 24.000 km verkauft und der hat diesen mit 11.000 km an den Mandanten des Anwalts veräußert. "Das heißt, der Tachostand wurde um zirka 13.000 km zurückgedreht. Dadurch konnte der Beschuldigte das Auto zirka 2.500 bis 3.000 Euro teurer verkaufen", so  Anwalt Adler.

Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen sei eine Anklage wahrscheinlich, teilt die Staatsanwaltschaft mit. Bei solchen Delikten werden Geld- oder Freiheitsstrafen ausgesprochen.

Jeder dritte Tacho ist manipuliert

Fast jeder dritte der 6,4 Millionen in Deutschland verkauften Gebrauchtwagen hat einen gefälschten Kilometerstand. Nach Angaben der Polizei beträgt der Schaden je Auto etwa 3.000 Euro, die die Käufer zuviel an die Händler bezahlen.

Manipulation innerhalb 30 Sekunden

Laut ADAC geht das Zurückdrehen des Tachos mit entsprechenden Geräten kinderleicht und dauert oft nicht mehr als 30 Sekunden. Zahlreiche "Dienstleister" bieten diesen "Service" ab 50 Euro pro Auto an. Die Manipulationsgeräte sind legal erhältlich und kosten etwa 7.000 Euro. Mit der darin enthaltenen Software lässt sich der Kilometerstand bei fast allen Fahrzeugen ohne Ausbau des Tachos oder anderer Teile verstellen. Das Gerät wird einfach an den OBD-Stecker angeschlossen, über den jedes Fahrzeug ab etwa Baujahr 2000 verfügt.

Auf Initiative des ADAC hin ist das Herstellen, Verkaufen, Besitzen und Benutzen von Geräten und Software zur Tachomanipulation seit August 2005 gesetzlich verboten und wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet. In der Praxis lassen sich Manipulationen nur schwer nachweisen. Tests des ADAC haben ergeben, dass kein Auto sicher vor Manipulationen ist.

Folgende Tipps des ADAC sollten beim Gebrauchtwagenkauf beherzigt werden:

  • Sind Angaben in Reparatur-Rechnungen, AU- und TÜV-Berichte, Eintragungen im Inspektionsheft und Ölwechsel-Aufkleber bzw. -Anhänger plausibel? Tauchen darin andere Kilometerstände auf, als vom Verkäufer angezeigt? TÜV-Berichte enthalten die Laufleistung. Weitere Quellen, um ältere Zwischenstände zu erfahren, sind Abgasbescheinigungen, Serviceaufkleber und Anhänger für den Ölwechsel.


  • Sprechen Sie mit dem Vorbesitzer, der in der Zulassungsbescheinigung Teil II aufgeführt ist. Fragen Sie nach den oben aufgeführten Unterlagen und erkundigen Sie sich bei ihm nach dem Kilometerstand.


  • Wenn Sie einen Wagen kaufen: Bestehen Sie auf der schriftlichen Angabe der "tatsächlichen Laufleistung" im Kaufvertrag. Verlassen Sie sich nicht auf Formulierungen wie "Kilometerstand laut Tacho".


  • Lassen Sie das Auto von einem Sachverständigen prüfen. Eine allgemeine Prüfung kostet bei TÜv und DEKRA etwa zwischen 50 und 100 Euro.


  • Achten Sie auf den Zustand des Autos: Ist das Fahrzeug trotz weniger gefahrener Kilometer stark verschlissen, ist Skepsis geboten. Starke Abnutzungen an Pedalen, Lenkrad oder Sitzen passen nicht zu neuen Wagen. Erkundigen Sie sich beim Vorbesitzer: Wurde das Auto auf Kurz- oder Langstrecken gefahren?


  • In der Werkstatt können Sie den Fehler- und Wartungsintervall-Speicher auslesen lassen. Vergleichen Sie protokollierte Kilometerstände mit dem aktuellen Tachostand.


  • Lassen Sie in der Werkstatt die Produktionsdaten von Tacho und Steuergeräten ermitteln und vergleichen Sie die Ergebnisse mit dem Herstellungsjahr des Fahrzeugs. Vielleicht wurden Tacho und Steuergeräte ersetzt. Kann der Vorbesitzer den Tausch mit einem Defekt begründen?

Zuletzt aktualisiert: 22. November 2011, 17:10 Uhr

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