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Umschau | 15.01.2013 | 20:15 Uhr : Provozierte Unfälle: Wie Versicherungsbetrüger Autofahrer schädigen

Sie liegen mit ihren Autos auf der Lauer und halten Ausschau nach Opfern. Haben sie eins gefunden, provozieren sie einen Unfall mit ihm. Meist gilt das Opfer als schuldig - während der Täter die Versicherung einstreicht. Doch wer einen Verdacht hat, sollte ihn äußern. Nur so kann die Polizei den wahren Unfallverursachern auf die Schliche kommen.

Zwei zusammengestoßene Autos

Elke W. nähert sich mit ihrem Auto einer Kreuzung. Sie ist eine vorsichtige Fahrerin. Seit 50 Jahren fährt sie unfallfrei. Sie rollt langsam auf die Kreuzung zu, denn sie muss die Vorfahrt beachten. Weil parkende Autos ihr hier die Sicht nach rechts versperren, muss sie ein Stück vorfahren, sodass ein Stück der Fahrzeugschnauze vorragt. An das, was dann passiert, kann sie sich noch genau erinnern:

"Von links kommt ein Auto angefahren. Ich dachte noch, Mensch Junge, das wird eng, da rumst der mir schon mit voller Wucht in die Seite. Dann denke ich, ich seh nicht richtig, denn der setzt zurück und rumst mir noch mal voll in die Seite."

Elke W.

Der andere Fahrer steigt aus seinem Wagen, geht zu Elke W. und erklärt ihr ganz dreist, sie sei Schuld. Ob die Frau Verletzungen davon getragen haben könnte, interessiert ihn nicht. Darum sich erst die Polizei, die wenig später an der Unfallstelle eintrifft. Peter Degener vom Verkehrskommissariat kennt die Unfallspuren und weiß, dass der Unfall einen anderen Verlauf hätte nehmen können.

"Frau W. hatte großes Glück, dass bei dem starken Aufprall nur der Kotflügel getroffen wurde. Hätte der Täter die Fahrertür erwischt, hätte sie sicher schwere Verletzungen davongetragen."

Peter Degener, Polizei Essen

Doch es sieht auf den ersten Blick so aus, als sei Elke W. schuld. Die äußeren Umstände und die Verkehrsregeln sprechen gegen sie. Der Unfallgegner behauptet zudem steif und fest, ihr Fahrzeug hätte nicht gestanden, sie sei Schuld.

Kriminalkommissar Ralf König kennt die Tricks der sogenannten "Autobumser". Er gehört zur Ermittlungskommission "Manipulierte Unfälle" und veranstaltet Polizeiseminare zum Thema.

"Provozierte Unfälle sind von der Polizei nur äußerst schwer zu erkennen. Zunächst gibt es hier meist keine Indikatoren, die konkret auf einen vorsätzlich herbeigeführten Zusammenprall schließen lassen. Zu den 'Hauptunfallursachen' in diesem Bereich zählt wie in unserem konkreten Fall die Vorfahrt."

Ralf König, Kriminalkommissar

Detailansicht eines Autos mit weggerissenem Kotflügel
Bei vorsätzlich verursachten Unfällen wollen die Täter einen möglichst hohen Schaden bei der Versicherung abrechnen.

Elke W. macht aber eines richtig. Noch vor Ort äußert sie gegenüber den Polizeibeamten ihren Verdacht und macht sie auf die Vorschäden des Unfallgegners aufmerksam. Außerdem hatte sie Glück, denn hinter ihrem Unfallgegner fuhr eine Frau, die sich als Zeugin zur Verfügung stellte. Diese Frau wird am nächsten Tag vom Täter angerufen und zu einer Falschaussage gedrängt, doch sie lässt sich nicht beeinflussen. Auch Elke W. versucht er mehrfach zu einem Schuldeingeständnis und einer Zahlung zu drängen, aber auch sie gibt nicht klein bei. 

Dank der Aussage der Zeugin erhärtet sich der Verdacht, dass es sich um einen provozierten Unfall handelt. Hinzukommt, dass die Polizei den Unfallgegner, einen Pizzaboten, schon länger im Visier hatte:

"In der Regel braucht man einen sehr langen Atem, um provozierte Unfälle nachweisen zu können. Dank der guten Beweislage konnten wir in diesem Fall den Pizzakurier endlich überführen. Wir hatten ihn schon wegen 13 weiterer Taten, bei denen er immer mit dem 'Vorfahrttrick' gearbeitet hatte, unter Verdacht, konnten ihm aber bis dahin nichts nachweisen."

Peter Degener, Verkehrskommissariat der Polizei Essen

Ohne Rücksicht auf Leib und Leben seiner Opfer hat er mehrfach Unfälle provoziert, um dann betrügerisch Geld von der Versicherung einzustreichen. "Die Täter profitieren davon, dass sie bei einem sehr geringen Risiko einen maximalen Gewinn erzielen", erklärt Kriminalkommissar Ralf König. Darum seien solche Unfälle bei Kriminellen besonders populär. Denn solange das Opfer keinen Verdacht äußert, lässt sich in der Regel nicht Ungewöhnliches feststellen und der Unfall wird letztlich von der Polizei, über die Versicherung bis hin zum Staatsanwalt wie jeder andere behandelt. Entscheidend sei, dass der Verdacht des scheinbaren Unfallverursachers, dass etwas nicht stimme, nicht als Schutzbehauptung abgetan wird. Vielmehr müssten alle für diese Art der Kriminalität sensibilisiert werden. Nur dann können noch bei der Unfallaufnahme wichtige Beweise gesichert werden. Im konkreten Fall hatten die Polizeibeamten Elke W.s Hinweise auf Vorschäden am Auto des Täters ernst genommen und notiert.

Ein Polizist skizziert am Unfallort auf einem Klemmbrett den Unfallhergang
Vermeintliche Unfallverursacher sollte man gegenüber der Polizei ihren Verdacht, der Unfall wurde vorsätzlich verursacht, äußern.

Anreiz für Versicherungsbetrug sind die sogenannten "fiktiven Schadensabrechnungen". Nach dem Unfall lässt der Täter von einem Gutachter seiner Wahl den Schaden am Fahrzeug schätzen. Das Gutachten reicht er dann bei der Versicherung des Unfallgegners einreichen. Die begleicht den Schaden, selbst wenn das Auto gar nicht repariert wurde.

Nach Schätzungen der Versicherungsbranche ist jeder zehnte Unfall manipuliert, wodurch jährlich ein Schaden von zwei bis drei Milliarden Euro entstehe. Die Folge sind höhere Beträge für die Versicherten. Allerdings machen es die Versicherungen den sogenannten Autobumsern oft auch sehr leicht. Zudem kommen immer häufiger die Täter aus den eigenen Reihen, wie der Strafrechtler Harald Baumgärtl aus zwei Prozessen gegen Autobumserbanden weiß:

"In beiden Fällen war der Drahtzieher ein Mitarbeiter einer Versicherung. Dank seiner Insiderkenntnisse haben die Banden unbehelligt über Jahre Versicherungen mit manipulierten Unfällen um rund eine halbe Million Euro betrogen. Der Schwindel flog nur auf, weil dann einer der Täter bei der Polizei auspackte."

Harald Baumgärtl, Strafrechtler

Dass Elke W. gut aus der Sache herauskam, hatte mehrere Gründe: Sie hat gleich ihren Verdacht geäußert. Sie hatte eine Zeugin. Und die Polizei hatte den Täter bereits in Verdacht. Inzwischen ist der Mann zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Noch vor dem Prozess hatte er skrupellos weitere Taten begangen. Seine Begründung: Als Pizza-Kurier habe er nicht genügend verdient.

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2013, 16:06 Uhr

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