Umschau | 15.05.2012 | 20:15 Uhr : Der Kampf um die beste Wettervorhersage
Als Folge des Klimawandels kommt es zu immer mehr Extremwetterereignissen, die große Schäden anrichten. Um das zu verhindern, werden genaue Vorhersagen immer wichtiger. Daran arbeiten Meteorologen seit der Flut im Jahr 2002.
Das Elbe-Hochwasser 2002 hatte schwere Folgen. Es gab Tote und Sachschäden in Millionenhöhe. Experten sind sich sicher, einige Zerstörungen hätten verhindert werden können, wenn besser gewarnt worden wäre. Am Nachmittag des 11. August 2002 meldete der Deutsche Wetterdienst (DWD): "In der Nacht zu Montag beginnend erreicht ein Regengebiet Sachsen, das sehr ergiebigen Regen von 40 bis 60 Liter je Quadratmeter verursacht." Doch es kam viel schlimmer. Stellenweise fiel fünfmal so viel wie vorhergesagt. Die Ursache für die unzureichende Warnung sieht der DWD im damaligen Warnsystem. Statt vor einem großen Ereignis zu waren, hatte der DWD die Warnung alle zwölf Stunden scheibchenweise herausgegeben. Das erweckte den Eindruck, dass es nicht so schlimm werden sollte. Für diese Stückelung gab es nach Auskunft von Gerold Weber, Leiter der DWD-Außenstelle in Leipzig, nur "formale Gründe". Es sei mit den Nutzern der Warnmeldungen so vereinbart gewesen und daran habe man sich gehalten.
DWD verbessert Warnsystem
Aus den Fehlern hat der DWD gelernt. Heute reichen die Unwetterwarnungen bis zu 48 Stunden im Voraus. Nach der Flut 2002 wurde auch das gesamte Warnmanagement neu aufgestellt. Die Warninformationen sind regionaler geworden und sollen schneller die Betroffene erreichen. Weber beschreibt das neue System so: "Die Gebiete, für die wir Wetterwarnungen herausgeben, sind wesentlich kleinräumiger geworden. Für die politischen Einheiten, das sind die Landkreise, geben wir Landkreiswarnungen heraus, die zum Beispiel für Sachsen auch noch in den gebirgigen Regionen an der 400m-Höhenlinie auch noch einmal getrennt sind."
Private Konkurrenz zum DWD hat sich entwickelt
Der private Wetterdienst Meteomedia warnte damals rechtzeitig vor der Elbe-Flut. Er gehört dem bekannten TV-Wetterfrosch Jörg Kachelmann. Seine Firma und andere große private Wetterunternehmen wie die Meteogroup nutzten das DWD-Debakel, um sich auf dem Wettervorhersagemarkt zu platzieren. Sie bieten Wetterberatungen für den Energiesektor, für Verkehr, Logistik, Versicherungen, Bau- und Landwirtschaft. Metemedia hat nach dem Hochwasser in Sachsen neben dem DWD-Warnsystem eine eigene Unwetter-Warn-Zentrale eingerichtet. Das funktioniert, weil das Unternehmen über ein engmaschiges Bodenmessstationsnetz verfügt. Das nutzt auch Meteomedia-Mitarbeiter Thomas Globig für die Wettervorhersagen im MDR FERNSEHEN. Zudem greift er auf das globale DWD-Netzes zurück. Trotz der vielen Daten bleibt die Vorhersage von Extremereignisse wie Gewitter schwer, erklärt er. Diese Ereignisse kündigen sich nicht lange vorher an, sondern treten eher kurzfristig, also weniger vorhersehbar, auf.
Forscher entwickeln ein Blitzortungsverfahren
An der Lösung des Problems der schwierigen Vorhersage von Gewittern arbeiten Wissenschaftler in München. Sie haben das weltweit neue Blitzortungsverfahren "Linet" entwickelt. Es erfasst mit seinen 130 Antennen europaweit Blitze mit einer Genauigkeit von bis zu 100 Metern und prognostiziert die Entwicklung und Intensität von Gewittern. Mittlerweile arbeitet der DWD mit diesem System. Nach Auskunft des Physiker Prof. Hans-Dieter Betz berechnet das System in Zehn-Minuten-Schritten eine Stunde in die Zukunft wie sich Gewitterzellen bewegen. Dieses System hätte auch ein Unwetter, das über das Pukkel-Pop-Festival im August 2011 in Belgien hinwegfegte, vorhersagen können. Das beweist ein Rückblick auf die Daten des Tages. Doch der örtliche Wetterdienst verfügte damals nicht über das System. In seinem Bericht hieß es, es könnte zu Niederschlag kommen. "Wir hatten unsere Regenjacken dabei. Aber dass es so schlimm wird, wussten wir gar nicht", berichtet ein Augenzeuge heute. Die Besucher des Festivals wurden von einem Gewitter überrascht. Ein gigantischer Sturm folgte. Videoleinwände, Zelte, Äste wurden durch die Luft gewirbelt. Fünf Menschen starben.
Große Computer können komplexe Vorhersagemodelle besser berechnen
Um Extremwetterereignisse besser vorhersagen zu können, versuchen Meteorologen auch ihre Computer-Wetter-Modelle zu verbessern. Immer mehr Wetterdaten werden verarbeitet. Je engmaschiger diese sogenannten Gittermodelle funktionieren, desto genauer können Meteorologen das Wetter prognostizieren. Gerold Weber vom DWD erklärt es: "Der Hauptgewinn ist für die Vorhersagen mehrere Tage im Voraus entstanden. Der Zuwachs an Know-how und besserer Vorhersagequalität wirkt sich in erste Linie so für den zweiten, dritten, vierten bis fünften Folgetag aus, weniger im Kürzestfristbereich." Von der absoluten Sicherheit, wie unser Wetter heute oder morgen wird, sind die Forscher weit entfernt.
Ärger über Wetterfrösche
Im Kampf um die beste Wettervorhersage entstanden neben den wenigen großen Unternehmen auch eine Vielzahl kleiner Wetterdienstleister, die nur als Web-Anbieter agieren. Oft werben sie mit fragwürdigen Wettervorhersagen für viele Tage oder gar mit Jahreszeitenprognosen. Das bringt auch den Meteorologen Jörg Kachelmann auf die Palme. Dafür hat er nur ein Wort: "Schwachsinn". Besonders verärgert ist er, dass solche Vorhersagen von Diplom-Meterologen stammen und dann auch noch von den Medien veröffentlicht werden.

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