unicato zum Kurzfilmtag Die unicato-Preisträger 2016

Die unicato Jury hat die Preisträger des Jahrgangs 2016 gekürt.

40 Filme verschiedentser Genres und experimenteller Formate standen zur Auswahl. Die unicato Jury, in diesem Jahr Cathy de Haan (OSTPOL Leipzig), Jutta Wille (AG Kurzfilm) und Peter Zorn (Werkleitzgesellschaft) hat drei gleichwertige Preisträger gewählt.

Die unicato Preisträger des Jahrgangs 2016 sind:

Die Jury begründet ihre Entscheidungen:

Laudatio - "Postcolonialism in 30 sqm" von Clara Winter und Miguel Ferráez

Die Azteken galten als eine der kriegerischsten Völker Mexikos. Aber sie besaßen einen Ehrenkodex: Wenn sich ein feindlicher Stamm näherte, konnte man ihn durch Geschenke wie Gold und Edelsteine befrieden. Er nahm die Gabe an und zog ab, oder er wies die Gaben zurück und griff an. Als Hernando Cortéz Truppen gen Tenochtitlán zogen, liess ihn der Aztekenkönig Moctezuma zur Befriedung unter anderem einen Goldschatz übergeben. Die Spanier nahmen alle Geschenke begeistert an. Aber anstatt sich zurückzuziehen unterwarfen sie das Aztekenreich. Dies war keine Inhaltsbeschreibung des Unicato Preisträgers von Clara Winter und Miguel Ferráez, aber vielleicht eine mögliche Begründung, worum sich die deutsche Protagonistin veranlasst fühlt, eine alte europäische Schuld bei einem mexikanischen Studenten zu begleichen indem sie sich als Haushälterin ehrenamtlich für ihn betätigt. Dabei fängt sie an, Wohnung und Lebensstil des „Zweite-oder-Dritte-Welt-Bürgers“ immer weiter in Richtung „Effizienz und Fortschritt“ zu „optimieren“, bis sich der junge Mann am Ende seiner eigenen Entscheidungsfreiheit beraubt fühlt. Man kann das auch Postkolonialismus auf 30 qm2 nennen. Der in Form eines YouTube Blogs in kurzen Minutenszenen gehaltene Film überzeugt durch seine dokumentarisch gehaltene authentisch wirkende Inszenierung, zwei sich dabei irgendwie teilweise auch selbstporträtierende Darsteller, und vor allem durch die Satire auf das janusköpfige europäische „Gutmenschentum“ und seinem perfiden System der „Entwicklungshilfe“.

Laudatio - "Drop" von Yotam Knispel

Die erste Menstruation, das physiche Zeichen für den Übergang von Mädchen zu Frau sollte ein Grund zu Freude und Stolz sein. Doch die gesesellschafliche Tabuisierung belegt das Thema immer noch mit falscher Scham. "Drop", ein Kurzfilm aus Israel macht genau das zum Thema: Die 11jährige Neta fühlt sich in der Schule nicht wohl. Sie hat keine Freundinnen und auch die Lehrerinnen halten sie für schwierig und seltsam. Und ausgerechnet heute – kurz vor dem Sportunterricht setzt ihre erste Periode ein. Von den Klassenkameradinnen, die sie auch ansonsten sozial ausgrenzen oder über sie lustig machen, kann sie kein Hilfe erwarten. Für Neeta ein Alptraum, dem sie in ihrer Not versucht, mit drastischen Massnahmen zu entkommen.Doch dieser Moment ihrer tiefsten Verzweiflung bleibt nicht unentdeckt und plötzlich geht eine Tür auf, wo vorher nur Mauern waren ... "Drop" überzeugte die Jury gleich in mehreren Apekten: Zum einen durch seine sensible Inszenierung der beiden jungen Darstellerinen Noam Habler und Shira Yosef, die die Regie auch durch intime Momente hindurch sicher und behutsam lenkt. Zum anderen durch die dramaturgisch geschickt ausbalancierte Verknüpfung der Themen „Tabu Menstruation“, „Aussenseiterdasein“ und „Coming-of-Age“. Psychologisch fesselnd erzählt, versteht es der Regisseur, dass wir uns – ganz gleich welchen Alters oder welchen Geschlechts - mit Protagonistin und Geschichte identifizieren.

Laudatio - "Kaputt" von Volker Schlecht, Alexander Lahl und Max Mönch

Zwei Frauen von vielen, die im zentralen Frauengefängnis der DDR „Burg Hohenstein“ inhaftiert waren, berichten - mit einem Abstand von ungefähr 40 Jahren - von ihren Erfahrungen, Gedanken und Nöten ihrer Zeit in Hohenstein. Eindrucksvoll transportieren Zeichnungen in düsteren Grautönen die traumatischen Erlebnisse der Frauen ins Heute. Sie machen Willkür, Gewalt und Sadismus, die Ungewissheit, Demütigungen und Angst, seelischen Verletzungen und Einsamkeit fast körperlich nachvollziehbar.  Alles ist grau – die Zellen, die Kleidung, die Gesichter der Frauen. Ein Bild entwickelt sich aus dem vorhergehenden, es bleiben Spuren des Vergangenen. Die Entscheidung für einen animierten Dokumentarfilm erlaubt es den Filmemachern, die Protagonistinnen aus dem schützenden OFF sprechen zu lassen, sie sind anonym und trotzdem nah und erlebbar. Gleichzeitig sprechen sie so nicht nur für sich, sie stehen für viele andere Frauen auch. Die beiden Protagonistinnen werden aber, im Gegensatz zur ihrer Zeit in Hoheneck, als Individuen wahrnehmbar, als menschliche Wesen, Frauen, und in den Mittelpunkt des Films gestellt. Die Bilder sind, wie auch die Musik, sehr zurückhaltend, die Frauen und ihre Stimmen werden nicht überdeckt. Trotz des ernsten Themas wirken die Bilder nicht manipulativ. Der Film traut sich einfach zu sagen: so war es. Er glaubt an sich und die Zuschauer und vermeidet künstliche Dramatisierung oder gar Ergriffenheitskitsch. Dies gelingt in der filmischen Auseinandersetzung mit Geschichte sonst allzu oft nicht.

Die unicato Jury 2016:

Cathy de Haan

Making-Of Bilder zum Unicato Dreh für den Kurzfilmtag 2016.
Bildrechte: Marieke Wolter | Mitteldeutscher Rundfunk

Als Kuratorin entwickelt sie für Filmfestivals sowie kulturelle Institutionen Filmreihen und Workshops – mit dem Fokus auf Film, Literatur, Musik und Transmedia. Von der Arabischen Welt bis Zentralasien, von Latein Amerika bis Osteuropa - stiftet sie zu neuen Sichtweisen auf Kunst an und initiiert mit internationalen KomplizInnen interdisziplinäre Projekte. Sie ist Mitglied verschiedener Film-Jurys und lehrt in Deutschland (u.a. am Deutschen Literaturinstitut und an der Hamburg MEDIA SCHOOL) sowie im Ausland zu Kreativen Schreiben, Dramaturgie, Medienästhetik und Filmtheorie. Als Künstlerische Leiterin von OSTPOL e.V./ Leipzig produziert sie internationale Kulturprojekte und Kurzfilme. Sie ist Mitbegründerin und Co-Direktorin von CINEMATCH – einem Dokumentar- und Spielfilmprogramm und Netzwerk für unabhängige FilmemacherInnen. Seit 2016 ist sie Künstlerische Leiterin von LUCAS – Internationales Festival für junge Filmfans (Deutsches Filminstitut Frankfurt) für welches sie junges Publikum für das Kino von Morgen begeistert. Cathy de Haan ist Mitglied der Europäischen Filmakademie und promovierte Kommunikationswissenschaftlerin.

Jutta Wille

Making-Of Bilder zum Unicato Dreh für den Kurzfilmtag 2016.
Bildrechte: Marieke Wolter | Mitteldeutscher Rundfunk

Seit August 2013 ist sie gemeinsam mit Jana Cernik Geschäftsführerin der AG Kurzfilm und übernimmt neben dem Projektmanagement die organisatorisch-administrativen Aufgaben. Sie studierte von 1987 bis 1992 Lehramt für Geschichte und Physik an der Pädagogischen Hochschule Dresden und von 1995 bis 1999 Betriebswirtschaft an der Technischen Fachhochschule Berlin. Von 1997 an arbeitete sie für diverse Filmproduktionen u.a. als Aufnahme- und Produktionsleiterin. Seit Herbst 2003 ist sie als Projektkoordinatorin für die AG Kurzfilm tätig, zeichnet u.a. verantwortlich für den Kurzfilmkatalog "German Short Films", die Vorbereitung und Durchführung der Filmmärkte sowie die Kommunikation mit den Mitgliedern, die Vorbereitung der Mitgliederversammlungen und administrative Tätigkeiten. Seit 2011 ist Jutta Wille Mitglied in der Jury des Hessischen Kinokulturpreises. Außerdem ist sie seit 2002 auch für das Filmfest Dresden tätig.

Peter Zorn

Making-Of Bilder zum Unicato Dreh für den Kurzfilmtag 2016.
Bildrechte: Marieke Wolter | Mitteldeutscher Rundfunk

Als freischaffender Filmemacher, Produzent, Kurator und Medienwissenschaftler (u.a. Referent für Medienkunst für das Goethe Institut) lebt und arbeitet er in Werkleitz und Halle (Saale).Von 1990 bis 1995 absolvierte er das Studium der Freien Kunst in der Filmklasse der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig bei Prof. Birgit Hein. Er ist Mitbegründer und seit dem Vorstandsvorsitzender der Werkleitz Gesellschaft, im Leitungsgremium der Werkleitz Biennale / Werkleitz Festival, seit 1995 Initiator und Manager des European Media Artists in Residence Exchange (EMARE) Programmes des European Media Art Networks (EMAN) und seit 2011 Leiter der Werkleitz Professional Media Master Class.

Zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2016, 10:46 Uhr