Still aus dem Film
Still aus dem Film "Sieben Mal Am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf um nicht zu träumen" von Susann Maria Hempel. Bildrechte: Susann Maria Hempel

Unicato im August 2017 Tabus und Kontraste im Kurzfilm bei unicato

Im August beschäftigt sich Unicato mit Filmen von Susann Maria Hempel. Die Kurzfilme der Greizer Filmemacherin, die in Weimar studierte, erzeugen Bedrückung, Spannung, Scham und halten dem Betrachter den Spiegel vor.

Still aus dem Film
Still aus dem Film "Sieben Mal Am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf um nicht zu träumen" von Susann Maria Hempel. Bildrechte: Susann Maria Hempel
Die Filmemacherin Susann Maria Hempel.
Susann Maria Hempel Bildrechte: Samuel Henne

Die Filme der jungen Filmemacherin Susann Maria Hempel berühren den Betrachter und zeugen von immensem Tiefgang, visueller Kraft und außerordentlicher Komplexität. Hempels Arbeiten bewegen sich zwischen Animation, Puppentrick, Spielfilm, filmischem Essay und lassen sich kaum in Genrebegriffen ausdrücken - geschweige denn in Kategorien fassen. Die Filmemacherin steht nicht nur für den kurzen Film – ihre Filme sind so lang, wie es das jeweilige Sujet erfordert.

Susann Maria Hempel ist die aktuell am häufigsten ausgezeichnete Kurzfilmerin Deutschlands. Sie gewann alle großen Preise der Kurzfilm-Szene, darunter den Preis der Deutschen Filmkritik, den Deutschen Kurzfilmpreis in Gold in der Kategorie Experimentalfilm - und zuletzt einen Grand Prix beim Filmfest in Clermont-Ferrand, einen der international höchsten Preise in der Welt des Kurzfilms. Die Filme sind nicht erst beachtlich, seit sie preisgekrönt sind, gleichermaßen ermöglichen diese Preise – neben Stipendien – erst ein künstlerisches Filmschaffen.

Mit Bildern, Musik und Geräuschen sowie mit besonderer Schnitttechnik schafft Hempel es, den Zuschauer in eine andere, fremdartige Welt zu führen. Die Hässlichkeit der Dinge und deren Verfall sind Mittel, die Hempels Bildsprache bestimmen.
Susann Maria Hempel arbeitet aber nicht in einer der angesagten Medienstädte in Deutschland, sondern ist in ihr heimatliches Greiz zurückgekehrt. Selbst ist sie extrem kamerascheu. Der Zuschauer könnte denken, sie möchte sich hinter der visuellen Kraft und Vielschichtigkeit ihrer Filme verstecken. Ein Grund mehr für unicato, der Filmemacherin und ihrem Werk ein Special zu widmen.

"Wie ist die Welt so stille"

Den Anfang der dritten Strophe des bekannten Liedes "Der Mond ist aufgegangen" hat der nachfolgende Film zum Titel. Stumme Menschen, klappende Türen und ein Barkas in Blumenerde vermitteln das Gefühl von Vereinsamung und Kommunikationslosigkeit. Die Künstlerin bezeichnet den Film als "Singleauskopplung" aus einem missglückten Projekt. "Wie ist die Welt so stille" erhielt zur Berlinale den Preis der deutschen Filmkritik. Außerdem erwarb Susann Maria Hempel den Preis der deutschen Filmkritik 2013, in der Kategorie Bester Kurzfilm. Die Begründung der Jury:

Dieser Film unternimmt Exkursionen in dunkle, geheimnisvolle Bereiche: Eine Kleinstadt im Süden der einstigen DDR wird zum Schauplatz von Geschehnissen und Situationen - fremd und vertraut zugleich erscheinend. Familien leben verschanzt hinter Vorgärten und Gardinen, Volkslieder beschwören einen Zusammenhalt, den es so nie gegeben hat. Und doch gibt es einen Zauber, der unter dem Sichtbaren liegt. Der Regisseurin gelingt es in nur fünf Minuten, eine faszinierende Wunderkammer aus Tableaus und ritualisierten Handlungen zu entwerfen, die ein außergewöhnliches filmisches Talent belegt und auf Künftiges hoffen lässt.

Die Begründung der Jury für den Preis der deutschen Filmkritik 2013.
Stills aus dem Film
Still aus dem Film "Wie ist die Welt so stille" von Susann Maria Hempel Bildrechte: Susann Maria Hempel

"Der große Gammel"

Beim 20. Videokunst-Förderpreis des Bremer Filmbüros hat der Film "Der große Gammel" überzeugt. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt:

Der Große Gammel von Susann Maria Hempel ist der dritte Teil einer äußerst umfassenden, aufwendigen, aber auch sehr individuellen Auseinandersetzung mit dem Verfall, der Zerstörung und letztlich dem Abriss eines kleinstädtischen Theaters in Thüringen. Dessen langsames Ende spiegelt sich im "filmischen" Verfahren der Künstlerin: der Film entsteht aus über 150 Diafilmen und Tonaufnahmen, die in der Zeit bis zum endgültigen Abriss entstanden und die sie jeweils eigenen Verfallsprozessen aussetzt und dabei scannt und umkopiert. Die Jury war beeindruckt vom filmischen Ansatz der Künstlerin, die sich nicht auf die morbide Schönheit des Verfalls verlässt, sondern daraus in einem ungewöhnlichen Filmversuch etwas Neues schafft, das damit besonders treffend für den endgültigen Verlust steht. Sehr überzeugend und filmisch pointiert geht Susann Maria Hempel jeweils spezifisch auf die Phasen des Untergangs des Theaterhauses ein, so dass die Jury einhellig der Überzeugung ist, dass auch der dritte Teil dieses "Weltuntergangs" ein präzis-poetisches Kunstwerk wird, das direkt aus der Dokumentation der Zerstörung entsteht und gleichzeitig deren Spuren visuell und akustisch in sich trägt."

Die Begründung der Jury für den Hauptpreis des 20. Videokunst Förderpreises des Bremer Filmbüros.
Stills aus dem Film
Still aus dem Film "Der große Gammel" von Susann Maria Hempel. Bildrechte: Susann Maria Hempel

"Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf um nicht zu träumen"

Der Film "Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf um nicht zu träumen" ist wohl eines der intensivsten Werke von Susann Maria Hempel. So schmerzhaft die Betrachtung des Filmes ist, so sehr zieht sie den Betrachter auch in den Bann. Neben mehreren weiteren Auszeichnungen gewann die junge Greizerin erst kürzlich beim dokumentArt Festival den Latücht-Preis des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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Still aus dem Film "Sieben Mal Am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf um nicht zu träumen" von Susann Maria Hempel Bildrechte: Susann Maria Hempel

Der Titel lehnt sich an den Psalm des katholischen Stundengebets an: Sieben Mal am Tag singe ich Dein Lob und nachts stehe ich auf, um Dich zu preisen. Der Film erzählt mit Elementen eines monströsen Puppentheaters von Verstümmelung, Misshandlung und Missbrauch. Die Filmemacherin selbst beschreibt den Film folgendermaßen:

Als wild gewordenes Andachtsbuch auf der Grundlage von Interviews gestaltet, erzählt der Film die Passionsgeschichte eines ostthüringischen EU-Rentners, der sich seit einem 1989 erlittenen Gedächtnisverlust in einer Haftanstalt der DDR in eine Reihe unglückseliger Ereignisse verstrickt hat.

Susann Maria Hempel

"Película"

Película steht im Spanischen sowohl für Haut (-Schicht) als auch für Film. Susann Maria Hempel hat für ihren Beitrag den eigenen Körper vollständig mit Klebeband "abgezogen", um kleinste Hautpartikel direkt auf 35-mm-Blankfilm aufzubringen. Dieser Ultrakurzfilm kommt gänzlich ohne Ton aus!

Stills aus dem Film
Still aus dem Film "Película". Bildrechte: Susann Maria Hempel

Trailer für das Filmfest Dresden 2015

Im Auftrag des Filmfest Dresden 2015 fertigte Susann Maria Hempel den Trailer für selbiges an. Und das selbstverständlich in ihrem ganz eigenen Stil. Und obwohl es sich "nur" um einen Trailer handelt, ist Hempel erneut ein ganz eigenständiges Werk in Form eines Kurzfilms gelungen. Das Filmfest Dresden selbst kommentiert den Film als den vielleicht traurigsten Festival-Trailer aller zeiten. Jedoch sei er "auch der mit dem meisten Herz."

Susann Maria Hempel Biografie:
Susann Maria Hempel, geboren in Greiz, studierte von 2001 bis 2009 Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar.
2009 und 2011 war sie Stipendiatin der Thüringer Kulturstiftung und erhielt 2012 das cast&cut“-Kurzfilmstipendium in Hannover.
Sie lebt und filmt in Greiz.

Filmografie:
2007 Película
2012 Wie ist die Welt so stille
2013 Der große Gammel
2014 Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2015, 12:50 Uhr