Wussten Sie schon ... ? Wissenswertes über die Leipziger Völkerschlacht

Mehr als 200 Jahre ist es her, dass vor den Toren von Leipzig eine der größten und blutigsten Schlachten der Menschheitsgeschichte tobte. Es war ein Waffengang, der alle bis dahin gekannten Dimensionen sprengte. Ganze Generationen von Forschern haben sich mit dem Thema beschäftigt. Vieles zur Völkerschlacht ist weithin bekannt, einiges auch weniger. Eine kleine Auswahl wichtiger Fakten und interessanter Details finden Sie hier! Wussten Sie eigentlich schon, ...

von Dr. Daniel Niemetz

... woher der Name "Völkerschlacht" ursprünglich stammt?

Große Riesenschlacht bei Leipzig, kolorierte Radierung
Große Riesenschlacht bei Leipzig, kolorierte Radierung Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Der erste, der die vom 16. bis 19. Oktober 1813 bei Leipzig tobende Schlacht als "Völkerschlacht" bezeichnete, war der preußische Oberst und spätere General Karl von Müffling. Der Generalquartiermeister der Schlesischen Armee verwendete den Begriff bereits am 19. Oktober in seinem Armeebericht. Allerdings dachte Müffling bei "Völkern" nicht - wie wir heute - an die Vielzahl der beteiligten Völkerschaften. Ganz im alten militärischen Wortsinne waren bei ihm die vielen "Heervölker" gemeint, also die Truppen absolutistischer Herrscher, die bei Leipzig aufeinander trafen.

Nationalpatriotisch gesinnte Zeitgenossen Müfflings deuteten die "Völkerschlacht" hingegen bald als Schlacht der Völker Europas, die um ihre Freiheit kämpften. Erst in der Folge wurde die große Zahl der auf dem Schlachtfeld von Leipzig vertretenen Völkerschaften hervorgehoben. Von über einem Dutzend war lange Zeit die Rede. Nach heutiger Lesart geht man davon aus, dass Soldaten aus über 20 verschieden Völkern an der "Völkerschlacht" beteiligt waren. Demnach kämpften auf der Seite Napoleons Franzosen, Deutsche, Polen, Italiener, Niederländer, Schweizer und Kroaten. Im Heer der Verbündeten standen Deutsche, Österreicher, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Slowenen, Großrussen, Weißrussen, Ukrainer, Letten, Baschkiren, Kalmücken, Kirgisen, Tataren, Schweden und Engländer.

... dass die Völkerschlacht lange als größte Schlacht der Geschichte galt?

Ernst Wilhelm Straßberger, Kampf um den Kolmberg, Ölgemälde
Allein am Kampf um den Kolmberg am 16. Oktober 1813 waren zehntausende Soldaten beteiligt. Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Mit einer halben Million Soldaten und mehr als 100.000 Toten gilt die Leipziger Völkerschlacht von 1813 als die bis dahin größte und verlustreichste Schlacht der Menschheitsgeschichte. Selbst Napoleon, der den Ausgang des viertägigen Gemetzels in seinen Memoiren eher als Absetzmanöver denn als Niederlage verkaufte, kam nicht umhin, von einer der "blutigsten und größten [Schlachten] aller Zeiten" zu sprechen. Schenkt man allerdings dem römisch-gotischen Geschichtsschreiber Jordanes Glauben, dann hatte es bereits knapp 1.400 Jahre zuvor eine Schlacht mit 500.000 Beteiligten gegeben. Auf den Katalaunischen Feldern (nahe dem heutigen Troyes in Frankreich) besiegte im Jahr 451 eine weströmisch-westgotische Allianz unter dem Feldherrn Aätius das Heer des Hunnen-Königs Attila. Militärhistoriker gehen heute allerdings davon aus, dass Jordanes' Zahlen völlig übertrieben waren und vermutlich nicht mehr als 100.000 Kämpfer an der spätantiken Schlacht teilnahmen.

Den zweifelhaften Rekord der bis dahin größten und blutigsten Schlacht der Geschichte büßte die Völkerschlacht erst mit der Schlacht an der Marne (5.-12. September 1914) im Ersten Weltkrieg ein. An ihr nahmen sage und schreibe 1,75 Millionen Soldaten Frankreichs, Großbritanniens und des Deutschen Reiches teil - allerdings auf einem Schlachtfeld, das in seiner Dimension etwa fünf- bis sechsmal so groß wie das von Leipzig war. Im Verlauf des achttägigen Gemetzels fielen allein 80.000 Franzosen. Die Gesamtverluste beider Seiten an Gefallenen, Verwundeten und Gefangenen werden mit einer halben Million Soldaten angegeben. Das sind genau so viele, wie sich gut 100 Jahre zuvor bei Leipzig gegenüber gestanden hatten.

... dass die Ebene von Leipzig Ort zahlreicher Schlachten war?

Zwar war die Völkerschlacht die größte, bei Weitem aber nicht die einzige Schlacht, die im Verlauf der Geschichte in der großen Ebene von Leipzig geschlagen wurde. Mehr als 20 sollen es gewesen sein. Viele waren von überregionaler, einige auch von welthistorischer Bedeutung: so der große Sieg des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf über das kaiserliche Heer bei Breitenfeld 1631, die Schlacht bei Lützen 1632, in der selbiger den Tod fand, oder die erste Schlacht der Befreiungskriege bei Großgörschen am 2. Mai 1813. Diese hohe Konzentration historischer Schlachtfelder ist deutschlandweit einmalig und europaweit selten. Die Ursachen dafür sind vielschichtig: Leipzig und sein Umland liegen in der Mitte Europas. Zwei der größten europäischen Heer- und Handelsstraßen kreuzen sich hier, die in ost-westlicher Richtung verlaufende "Via Regia" und die von Nord nach Süd laufende "Via Imperii". Die Gegend um Leipzig ist reich an Ressourcen, kann große Heere ernähren und bietet durch ihre flache und wenig bewaldete Landschaft gute Bedingungen für offene Feldschlachten.

Auch Napoleon wusste diese Vorzüge zu schätzen. Da seine Armee zugunsten einer größeren Beweglichkeit auf große Lebensmitteltrosse verzichtete, war sie darauf angewiesen, einen Gutteil ihrer Nahrung vor Ort zu requirieren und Quartiere in großen Orten zu beziehen. All das gab es in und um Leipzig zur Genüge. Zudem wusste der Feldherr Napoleon auch, die geografischen Gegebenheiten für sich zu nutzen. So stellte er seine Hauptkräfte südlich der Stadt entlang der höchsten Erhebungen auf und ließ ihnen im Westen durch die Pleiße und ihre sumpfige Niederung einen natürlichen und leicht zu verteidigenden Flankenschutz.

... dass in der Völkerschlacht noch mit Pfeil und Bogen gekämpft wurde?

Kosaken stürmen ein mit Napoleon sympatisierendes Dorf, Philipp Heinrich Dunker, Aquarell von 1819
Neben Kosaken kämpften auch asiatische Reitervölker für den Zaren. Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Man glaubt es kaum. Aber in der Völkerschlacht, in der die seinerzeit modernsten Armeen der Welt aufeinander trafen, wurde noch mit Pfeil und Bogen geschossen. Der Grund: In der Armee des russischen Zaren kämpften auch zahlreiche irreguläre leichte Kavallerietruppen. Neben den bekannten Kosaken gehörten auch mongolische Kalmücken und Angehörige der Turkvölker der Baschkiren, Kirgisen und Tataren dazu. Und die waren alle noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Wegen ihrer archaischen Ausrüstung und ihrer Abneigung, sich einem strengen militärischen Reglement zu unterwerfen, wurden sie überwiegend für Aufklärungszwecke eingesetzt. Es gab aber auch Ausnahmen: So ist ein Angriff baschkirischer Reiterei auf französische Truppen bei Stötteritz am 18. Oktober 1813 überliefert, der französischen Quellen zufolge allerdings nicht viel Schaden anrichtete, weil die Baschkiren ihre Pfeile ungezielt in hohem Bogen abschießen mussten, um nicht die eigenen Leute zu treffen.

Der französische Kavallerieoffizier, Marcellin de Marbot, behauptete deshalb später, die Baschkiren seien "... als Gefechtstruppe auf europäischen Schlachtfeldern nur sehr gering zu veranschlagen." Und weiter: "Nur die Zahl, in welcher sie erscheinen, macht sie beachtenswert. Hier umschwärmten sie uns wie Myriaden von Wespen, und je mehr wir totschlugen, desto größer wurde ihre Menge." Das Opfer der für Russland in der Völkerschlacht kämpfenden Reitervölker wurde lange Zeit nicht explizit gewürdigt. Erst seit 2003 erinnert nahe der Russischen Kirche in Leipzig ein Gedenkstein zumindest an die gefallenen Baschkiren.

... dass in der Völkerschlacht bereits Raketen zum Einsatz kamen?

Schlacht bei Paunsdorf am 18. Oktober 1813, kolorierte Lithographie
Die Schlacht bei Paunsdorf am 18. Oktober 1813 Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Es stimmt, in der Leipziger Völkerschlacht wurden bereits Raketen eingesetzt. Auf Seiten der alliierten Nordarmee kämpfte am 18. Oktober 1813 eine britische Raketenbatterie. Diese damals noch junge Truppe war mit sogenannten Congrev'schen Brandraketen ausgestattet. Ihr Erfinder, der britische Oberst William Congreve, hatte Raketen als Kriegswaffen erstmals in Indien kennengelernt. 1804 entwickelte er ein mit brennbaren Materialien wie Harz oder Pech und einer Treibladung gefülltes Metallrohr mit einem Stabilisierungsstab, das einige Hundert Meter weit fliegen konnte und beim Aufprall explodierte. Seit 1806 setzten die Briten die Raketen im Seekrieg gegen feindliche Schiffe und Häfen, in den Befreiungskriegen 1813 erstmals auch auf dem Lande ein. Dort wurden sie von transportablen Leitergestellen aus abgeschossen.

Die neuartigen Waffen kamen bei den Belagerungen von Wittenberg und Danzig sowie in der Leipziger Völkerschlacht zum Einsatz. Hier wurde ihnen ein nicht unbedeutender Anteil an dem alliierten Erfolg bei Paunsdorf beigemessen. Vor allem die verheerende psychologische Wirkung, der mit riesigem Geheul und gewaltigen Feuerschweifen anfliegenden Geschosse wurde von Augenzeugen beschrieben. Diejenigen Soldaten Napoleons, die von den Brandraketen getroffen wurden, verbrannten bei lebendigem Leibe. Dem Kommandeur der Raketenbatterie, Captain Richard Bogue, hat das nichts geholfen. Die Franzosen erschossen ihn bei einem Gegenangriff. Er liegt auf dem Friedhof in Taucha begraben.

... dass der Verrat der Sachsen für ein französisches Sprichwort sorgte?

Napoleon bei der Quandtschen Tabaksmühle am 18. Oktober 1813, A. Felgner, Lithographie
Napoleon bei der Quandtschen Tabaksmühle am 18. Oktober 1813 Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Die sächsische Armee stand bei der Völkerschlacht zunächst auf der Seite Napoleons. Am 18. Oktober liefen jedoch - entgegen dem ausdrücklichen Befehl ihres Königs - fast alle Truppenteile zu den Verbündeten über. Der folgenschwerste Zwischenfall war der Frontwechsel zweier Infanteriebrigaden der sächsischen 2. Division beim Dorfe Stünz. Unter Führung ihrer Offiziere gingen dort rund 4.000 Mann zu den Russen über. Zeitzeugenberichte legen allerdings nahe, dass die Tat allein eine Entscheidung der Offiziere war und die meisten Unteroffiziere und Mannschaften erst während des Übertritts ihren unfreiwilligen Frontwechsel realisierten. Napoleon sprach später von einem ungeheuren Verrat, der dem Feind einen Durchbruch durch die französische Schlachtlinie ermöglicht habe.

Der Franzosen-Kaiser und seine Marschälle gaben dem "Verrat der Sachsen" in ihren Memoiren sogar eine maßgebliche Mitschuld an dem erzwungenen Rückzug der ihrer Meinung nach bis dahin siegreichen napoleonischen Armee. Steffen Poser, einer der profundesten Experten für die Leipziger Völkerschlacht, hat in dem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass in Frankreich noch Jahrzehnte später Abtrünnige mit dem Ausspruch "c'est un Saxon" - "Das ist ein Sachse" - beschrieben wurden. (Steffen Poser, Die Völkerschlacht bei Leipzig. "In Schutt und Graus begraben", Leipzig 2013, S. 120)