Jungs und Mädchen beim Lesen
Jedes 20. Kind in Deutschland ist von LRS betroffen. Bildrechte: dpa

Max-Planck-Institut Leipzig Hirn-Scan zeigt Lese-Rechtschreibschwäche bei Kindern

Hat mein Kind eine Lese-Rechtschreibschwäche? Auf diese Frage können Eltern jetzt eine Antwort bekommen. Und zwar schon bevor das Kind zur Schule kommt. Leipziger Forscher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben diese Methode entdeckt. Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) zeichnet diese Arbeit am 28. April 2017 mit dem Alois-Kornmüller-Preis aus.

Jungs und Mädchen beim Lesen
Jedes 20. Kind in Deutschland ist von LRS betroffen. Bildrechte: dpa

Das Hirn von Kinder zu scannen, um herauszufinden, ob sie eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) haben – die Idee klingt ungewöhnlich, und doch liegt sie nahe. „Weil wir eben wissen, dass die Lese-Rechtschreibschwäche erblich ist“, sagt Dr. Michael Skeide vom MPI Leipzig, der die Forschungen geleitet hat. „Und wenn man sich anschaut, was die Risikogene machen, dann sieht man, dass ein Großteil dieser Gene ganz grundlegend an der Entwicklung unseres Gehirns beteiligt sind“. Mit anderen Worten: Wenn man den Vorschulkindern ins Gehirn schaut, kann man die Wirkung der Risikogene erkennen. Und das nach Angaben der Leipziger Forscher mit ziemlicher Genauigkeit. Die Trefferquote liegt bei 75 Prozent.

In Zukunft wollen wir möglichst nahe an die 100 Prozent kommen.

Haben die Eltern bereits eine Lese-Rechtschreibschwäche, dann liegt ein erhöhtes Risiko bei den Kindern vor. Insbesondere hier wünschen sich die Forscher eine Untersuchung bereits vor der Schule, im besten Fall integriert in eine der standardmäßigen Vorschuluntersuchungen, die es bereits gibt. Michale Skeide: „Dann ist der Plan, dass diese Kinder bereits im Kindergarten an Präventionsprogrammen teilnehmen können, um die Möglichkeit zu bekommen, ihre Defizite vor der Einschulung zu kompensieren.“ Denn LRS kann in seiner Ausprägung deutlich abgeschwächt werden, so der Forscher.

LRS-Forschung am MPI Leipzig
Dr. Michael Skeide arbeitet am MPI Leipzig seit Jahren mit Kindern. Im Experiment auf dem Foto ging es z.B. darum, wie die Gehirne der Kinder Sprache verarbeiten. Bildrechte: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig

Die Untersuchung selbst dauert lediglich sechs Minuten. Da die Kinder dabei nichts Besonderes machen müssen, so Skeide, sei das eine ziemlich entspannte Sache. Die Kinder können sich in der Zeit auch einen Film anschauen. Die Forscher dagegen sehen eine dreidimensionale Konstruktion der Großhirnrinde, also der äußeren Schicht unseres Gehirns.

Schauen sie in das Gehirn von Kindern, die keine Probleme mit dem Lesen- und Schreibenlernen haben, dann sehen sie eine gleichmäßige weiche Hügellandschaft. Bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche sind diese Profile wesentlich unruhiger, eher wie eine schroffe Felsenlandschaft.

Bisher können die Forscher so nur dem Lesen und Schreiben auf die Spur kommen. Aber eigentlich sollte das auch mit anderen Fächern, wie zum Beispiel Mathematik gehen, so Michael Skeide. Denn bestimmte Risikogene, die LRS  verschulden, spielen auch bei mathematischen Lernentwicklungsstörungen wie der Dyskalkulie eine Rolle.

Die Studie Die MPI Forscher in Leipzig untersuchten 141 Kinder mit MRT-Scans. Dabei entdeckten sie, dass Kinder mit einer bestimmten Variante des Gens NRSN1 (wichtig für die Entwicklung der Nervenzellen) strukturelle Unterschiede in einer Hirnregion aufweisen, die Experten als Visual Word Form Area bezeichnen. Sie ist für das Erkennen von Buchstaben und Wörtern zuständig.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 27.04.2017 | 11:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2017, 11:22 Uhr