Schild über einer Tür von zwei Physikern in einem renommierten Forschungsinstitut in Halle
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Ungeliebte Naturwissenschaften Sollten wir für Mathe und Physik die Noten abschaffen?

Dass wir Mathe und Physik nicht mögen, wäre zu verschmerzen, wenn die Konsequenzen nicht derart spürbar wären. Universitäten beklagen, dass die mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnisse der Abiturienten immer mehr abnehmen und in naturwissenschaftlichen Berufen fehlt der Nachwuchs. Kann man das ändern? Und würde es helfen, die Noten abzuschaffen?

von Karsten Möbius

Schild über einer Tür von zwei Physikern in einem renommierten Forschungsinstitut in Halle
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Mathe, Physik und Chemie - das sind für viele Schüler rote Tücher, nicht nur in Deutschland. Studien belegen, dass sie auch international die unbeliebtesten Fächer sind. 2014 entschieden sich bei uns nur vier Prozent der Schüler für einen Leistungskurs Physik, nur drei Prozent wählten Chemie. Ende Oktober 2016 fehlten nach Angaben der Arbeitgeber 212.000 Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker. Thorid Rabe, Didaktik-Professorin für den Bereich Physik an der Universität Halle, kennt das schlechte Image ihres Fachs – allerdings nicht den Grund dafür.

Prof. Thorid Rabe, Martin Luther Universität Halle
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Die Frage stellen sich Physik-Lehrer und Physik-Didaktiker schon seit Jahrzehnten. Aber die Antwort haben wir offensichtlich noch nicht gefunden, sonst sähe die Situation anders aus.

Thorid Rabe, Didaktik-Professorin / Physik MLU Halle

Ein Grundproblem ist, dass junge Menschen offenbar keine Lust auf Naturwissenschaften haben. Forscher sehen einen Grund darin, dass die Bedeutung von Mathe, Physik und Informatik für die Gesellschaft schlicht nicht erkannt wird. Kein Wunder findet Prof. Ernst Peter Fischer, selbst Mathematiker und Physiker. Er findet, dass der Unterricht an unseren Schulen alles andere als Interesse und Begeisterung für die Naturwissenschaften weckt.

Du musst das Newtonsche Gesetz kennen, du musst die Mendelschen Gesetze kennen und dann beten die die runter, völlig interessenlos und haben die schon vergessen, wenn die auf dem Weg nach Hause sind. Was soll denn das.

Prof. Ernst Peter Fischer, Physiker, Mathematiker, Autor
Prof. Ernst Peter Fischer
Prof. Ernst Peter Fischer Bildrechte: MDR/brand eins Wissen

Es geht aus seiner Sicht viel zu viel um "Auswendig-Lernen", um Zahlen, Formeln und Rechenwege. Und viel zu wenig um Spannung und Spaß. Seine These ist: Wir versuchen den jungen Menschen das einzutrichtern, was wir wissen. Vielmehr wäre es doch wichtig zu zeigen, wie geheimnisvoll die  Naturwissenschaften sind. "Spannung ist nicht, wenn sie wissen, wer im Krimi der Mörder ist - dann ist die Spannung vorbei. Ich verstehe nicht, wie man auf die Idee kommen kann, dass die Physik irgendetwas anderes machen kann als Geheimnisse zu vertiefen."

Seine Vision sind Schüler, die mit einem Sack voller spannender Fragen in die Schule kommen, weil sie vor Neugierde brennen. Das hört sich nach einer formidablen Vision an - so sollte es sein. Noch dazu sollte man, so Fischer, die Noten abschaffen genauso wie die Prüfungen, und letztere durch ein Gespräch ersetzen. Didaktik-Professorin Thorid Rabe findet diese Idee zumindest sympathisch.

Nachvollziehbar ist das für mich auf jeden Fall. Das ist eine Extremthese, die erstmal zum Nachdenken anregt. Ob das in der schulischen Realität schon der heilige Gral des Physikunterrichts ist, das würde ich dann doch bezweifeln.

Thorid Rabe, Didaktik-Professorin / Physik MLU Halle

Ihre Skepsis an den nicht ganz neuen Thesen begründet Rabe zum einen mit der fehlenden Zeit in den realexistierenden Klassenzimmern. "Wenn ich ein großes Pensum an Stoff habe, dann bleibt da wenig Raum für so Seitenwege, tiefergehende Fragen. Da bleibt schon wenig Zeit jeden Schüler mitzunehmen." Und sie glaubt, dass dauerneugierige Schüler, mit permanentem Drang zu Fragen und einer Gier nach Antworten eher dem Reich der Fantasie entspringen:

Nach meiner Beobachtung ist das nicht immer so. Es gibt durchaus auch Situationen, wo Kinder mit einer relativ einfachen Antwort zufrieden sind und auch ganz glücklich damit sind, erstmal Sachen zu beobachten und zur Kenntnis zu nehmen. Eine Seifenblase ist einfach nur schön, weil sie bunt schillert, was dann an Interferenz an Licht stattfindet ist da vielleicht zweitrangig.

Thorid Rabe, Didaktik-Professorin / Physik MLU Halle

Das widerspricht nur zum Teil den Thesen von Prof. Fischer. Komplettes Unverständnis für die Thesen vom Vertiefen von Geheimnissen kommt von Detlev Pöls, langjähriger Mathe- und Physiklehrer am Francisceum, einem Gymnasium in Zerbst.

Detlev Pöls, Mathe und Physiklehrer am Francisceum in Zerbst
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Das ist Quatsch. Das ist für die Schule Unfug. Das geht nicht! Wenn ich in der 6. Klasse mit der Physik anfange, muss ich doch den Kindern zeigen, dass wir die Natur verstehen können. Da kann ich mich doch nicht hinstellen und sagen: ich bin doof und die Welt ist voller Geheimnisse. Damit kann ich dann anfangen zu arbeiten, wenn ich die Quantenphysik in der 12. Klasse unterrichte.

Detlev Pöls, Lehrer für Mathe und Physik, Francisceum Zerbst

Pöls und Kollegen machen offenbar eine gute Arbeit. Völlig untypisch für die deutsche Schulstatistik haben 80 Prozent der Schüler nach der 10. am Francisceum Physik gewählt. Auf die Frage, was denn das Zerbster Geheimnis sei, zuckt Pöls lächelnd mit den Schultern. Dann kommt doch noch eine Antwort: "Wenn man selber begeistert ist, ist das vielleicht mal eine Grundvoraussetzung, dass man selber für sein Fach brennt. Da kann man auch Kinder begeistern. Auch für ein Fach, das manche vielleicht doof finden."

Es kann offenbar trotz Frontalunterricht, trotz Klassenarbeiten, Prüfungen und Noten funktionieren. Auf Noten könne man auf keinen Fall verzichten, das wäre undenkbar, sagt Mathe- und Physiklehrerin Anett Heimann. Denn auch am Francisceum lernen nicht nur fleißige Bienchen. Und das heißt halt, dass auch ein gewisser Zwang dazu gehört.

Anett Heimann und Detlev Pöls
Anett Heimann und Detlev Pöls haben ihre Schüler in Zerbst für Physik begeistert. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Ich würde denken die Masse der Schüler, ich würde sagen 90 Prozent, da würde der innere Schweinehund überwiegen und die würden einfach deutlich weniger machen, wenn wir kein Zentralabitur hätten, wenn wir keine Prüfungen hätten und keine Arbeiten schreiben würden.

Anett Heimann, Lehrerin für Mathe und Physik, Francisceum Zerbst

Thorid Rabe sagt, auch sie könne sich die Schule in Deutschland momentan ohne Noten nicht vorstellen. Noten hätten eine extreme Bedeutung in Deutschland, sie sollen zum Lernen motivieren oder auch zwingen und stellen einen Bewertungsmaßstab dar. Eine Abschaffung dieses Bewertungssystems sei im Moment gesellschaftlich nicht gewünscht. "Die Noten werden ja nicht nur von Schule getragen, sondern die Eltern wollen Noten, die Kinder wollen relativ früh auch Noten haben, weil sie das ja kennen. Und da wegzukommen wäre eine große Herausforderung bei uns glaube ich. Das sitzt einfach zu tief."

Man spürt bei Professorin Thorid Rabe, dass sie die reale Welt eines deutschen Klassenzimmers kennt, dass sie sich aber auch über solche Visionen wie die von Ihrem Kollegen Ernst Peter Fischer freut, weil aus Ihrer Sicht unser Schulsystem Veränderung dringend bräuchte:   

Ich glaub tatsächlich, dass es in unserem Schulsystem zu wenig Freiräume gibt für Veränderungen. Also ich würde mir das wünschen. Ich brauch da einfach Zeit. Ich muss Dinge ausprobieren können und muss an Schrauben drehen können, die dürfen nicht zu fest sitzen. Also von daher würde ich schon sagen, dass da noch viel Luft nach oben ist.

Thorid Rabe, Didaktik-Professorin / Physik MLU Halle

Rabe sagt: Wir müssen vor allem daran arbeiten, das Image der Naturwissenschaften deutlich zu verbessern. Formeln, Zahlen, Regeln scheinen dem Zeitgeist der kreativen Entfaltung der Persönlichkeit zu widersprechen. Es ist oft sogar schick, sich mit schwachen Kenntnissen in Mathe oder Physik zu schmücken. Der Spruch "Mathe ist ein Arschloch und Physik sein Bruder" stößt im Moment leider immer noch auf breite Zustimmung.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 01.05.2017 | 10:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Mai 2017, 10:00 Uhr