Maus vor blauem Hintergrund mit Laborgefäßen
Bildrechte: Colourbox.de

Forschung aus Leipzig Titanplättchen statt Tierversuche

Etwa drei Millionen Tiere helfen uns dabei, gesund zu werden oder gesund zu bleiben. Viele Mäuse, Ratten, Meerschweine, Schafe, Hunde, Katzen, Kaninchen und Affen dienen allein in Deutschland der medizinischen Forschung. Doch ist das in diesem Umfang notwendig? Wissenschaftler aus Leipzig wollen nun dazu beitragen, Alternativen zu Tierversuchen zu finden. Wissenschaftsredakteur Karsten Möbius hat nachgefragt.

Maus vor blauem Hintergrund mit Laborgefäßen
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Mareike Zink ist eine junge Biophysikerin an der Uni Leipzig. Sie will wissen, welche mechanischen Eigenschaften die Netzhaut hat. Denn Netzhautveränderungen spielen bei vielen Augenerkrankungen eine große Rolle. Eigentlich brauchte Mareike Zink nur tierische Netzhäute, die ein paar Tage frisch bleiben, damit sie mit dem Material experimentieren kann.

Wir haben nach einer Methode gesucht, dieses Gewebe längere Zeit zu erhalten, und wir wussten nicht, wie wir das machen sollten.

Mareike Zink, Uni Leipzig

Dass aus diesem Problem ein Forschungsprojekt wird, das eine Alternative zu Tierversuchen bietet, war ihr vor mehr fünf Jahren noch gar nicht so klar. Damals rief sie Prof. Stefan Mayr vom benachbarten Leibniz Institut für Oberflächenmodifozierung an. Mayr wusste, dass sich Zellen auf Titanplättchen mit winzig kleinen Rörchen ganz gut kultivieren lassen.

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Mareike Zink, Mike Francke (l.) und Stefan Mayr (r.). Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Bei diesen Nanoröhrchen haben wir verschiedene Durchmesser genommen, unterschiedlich raue Oberflächen und im Prinzip ausprobiert, was sich am besten eignet dafür.

Prof. Stefan Mayr, Leibniz-Institut für Oberflächenmodifizierung

Herausgekommen ist ein Trägermaterial, auf dem funktionsfähige Netzhäute nicht nur ein oder zwei Tage überleben, wie bisher, sondern ein bis zwei Wochen. Biologe Mike Francke vom Paul Flechsig Institut in Leipzig sagt, mit den Netzhäuten auf diesen Titanträgern lasse sich ganz anders und viel länger experimentieren als auf dem herkömmlichen Plastematerial.

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Der Träger gegen Tierleid. Eine Entwicklung aus Leipzig. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Mit der neuen Kultivierungsmethode stehen komplett ausgebildete Netzhäute sogar mit funktionierenden Lichtzellen über längere Zeiträume zur Verfügung. Man kann ein bis zwei Wochen testen, wie neue Wirkstoffe unmittelbar die Zellen und ihre Funktion beeinflussen. Das sei völlig ausreichend, um dafür auf Versuche an lebenden Tieren zu verzichten. Allerdings läßt sich damit aber nur ein kleiner Teil von Tierversuchen ersetzen. Dafür aber ein Teil, der sehr riskant ist, sagt Biologe Mike Francke.

Nebenwirkungstests haben etwas mit Tierleid zu tun, weil man über den Wirkstoff überhaupt nicht Bescheid weiß.

Dr. Mike Francke, Paul Flechsig Institut in Leipzig

Die Leipziger Wissenschaftler haben die Titanplatten so optimiert, dass Netzhäute von Schweinen möglichst lange leben. Denn Netzhäute von Schweinen sind denen von Menschen viel ähnlicher als die von Ratten oder Mäusen, an denen üblicherweise getestet wird. Ein halbes Jahr nachdem die Leipziger das Patent angemeldet haben, geht es jetzt darum, die Industrie von der Methode zu überzeugen und dadurch wirklich Tierversuche zu ersetzen. Aber es ist schwer der Industrie zu zeigen, dass unserere Methode mehr kann als die bisherigen Tests in Reagenzgläsern, sagt Mareike Zink.

Die sind erstmal ein bisschen skeptisch.

Mareike Zink, Uni Leipzig

Deshalb versucht man jetzt erstmal kleine Firmen, die die Großen mit diesen Materialien beliefern, von der Methode zu überzeugen. Auch davon, dass auf den Titanplättchen mit der besonderen Oberfläche nicht nur ganz unterschiedliche Netzhäute lange funktionsfähig bleiben, sondern auch ganz andere Gewebearten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 03.03.2017 | 07:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2017, 10:02 Uhr