Jemand hält ein geöffnetes Buch mit handschriftlichem Text und Symbolen in die Kamera.
140 dünne und dicke Bücher mit Zaubersprüchen und Ritualen, alle von Hand geschrieben. Ein Pentagramm darf in einem echten Zauberbuch natürlich nicht fehlen. Es soll in der Regel vor Dämonen und anderen Kreaturen schützen. Bildrechte: MDR/Maximilian Heeke

Einzigartige Sammlung tausender Zaubersprüche Das magische Geheimnis der Leipziger Unibibliothek

In den Bibliotheksarchiven liegen manchmal geheimnisvolle Texte, sogar Zauberbücher. Eine ganze Sammlung mit Beschwörungsformeln und Zaubersprüchen wartet in der Leipziger Unibibliothek auf mutige Leser.

Jemand hält ein geöffnetes Buch mit handschriftlichem Text und Symbolen in die Kamera.
140 dünne und dicke Bücher mit Zaubersprüchen und Ritualen, alle von Hand geschrieben. Ein Pentagramm darf in einem echten Zauberbuch natürlich nicht fehlen. Es soll in der Regel vor Dämonen und anderen Kreaturen schützen. Bildrechte: MDR/Maximilian Heeke

Alte, vergilbte Seiten aus Papier liegen vor dem Leser, der sich traut einen Blick in die magische Sammlung zu werfen. 140 dünne und dicke Hefte umfasst das Kompendium von Zaubersprüchen und magischen Ritualen aus der Leipziger Universitätsbibliothek, das in den vergangenen Tagen für einige Aufregung gesorgt hat.

Von außen wirken die Dokumente vom Beginn des 18. Jahrhunderts unschuldig. Farbenfrohe Einbände aus Buntpapier verbergen die Geheimnisse der Bücher. Das Innere eröffnet dem Leser die faszinierende Welt der Zaubersprüche. Zaubersprüche aus dem alten Ägypten, dem antiken Griechenland und dem europäischen Mittelalter. Die Sprüche mischen wild jüdische und christliche Rituale mit volkstümlichen Bräuchen aus Europa und dem Orient.

Wie schütze ich mein Haus vor Dieben? Ich schreibe Sprüche und Formeln an Schlafzimmer, Küchenstube und Bad. Wie bringe ich meine Angebetete dazu, mich zu lieben? Ich fertige einen besonderen Gürtel an, den sie dann tragen soll. Wie beschwöre ich einen wohlgesinnten Geist? Ich sage vier Seiten Text laut auf. Auch in die Kunst der Alchemie bieten die Schriften Einblicke, und wer an Sternendeutungen interessiert ist, findet auf den zehntausend Seiten ebenso Antworten. Ein buntes Sammelsurium magischer Texte. In sauberer Handschrift niedergeschrieben, größtenteils auf Deutsch verfasst.

Wer war der Zauberlehrling?

Thomas Fuchs blickt in ein Buch
Professor Thomas Fuchs leitet die Sondersammlung der Leipziger Albertina. Bildrechte: MDR/Maximilian Heeke

Irgendjemand hat sich vor 300 Jahren die Mühe gemacht, bekannte Zaubersprüche, alte Beschwörungsformeln und Rituale handschriftlich zu sammeln.
Thomas Fuchs, Professor für Sondersammlungen an der Leipziger Universitätsbibliothek, wacht über die magischen Bücher. Er vermutet, dass es nicht die Lust auf Magie war, die den oder die Urheber antrieb. Es war die Zeit der Aufklärung und die Schreiber wollten ihren Mitmenschen vermutlich zeigen, wie fortschrittlich sie selbst im Vergleich zu den Menschen vor ihrer Zeit waren. Die Bücher seien eine Kuriositätensammlung voller Fantastereien, glaubt Fuchs.

Daniel Bellingradt, Juniorprofessor für Buchwissenschaften an der Universität Erlangen, und sein Kollege Bernd-Christian Otto, Religionswissenschaftler an der Uni Erfurt, haben sich intensiv in die Magische Sammlung in Leipzig eingelesen. Sie behaupten, einen frühen Sammler der Werke ausfindig gemacht zu haben: Ein relativ unbekannter Leipziger Arzt namens Samuel Schröer soll um 1700 die Werke aus unbekannten Quellen erlangt haben. Im 18. Jahrhundert sei das Interesse für magische Schriften gerade unter Ärzten groß gewesen, so die Wissenschaftler. Es sei nicht nur theoretisches Interesse gewesen, Ärzte sollen Zaubersprüche auch ganz praktisch ausgetestet haben.

Nur Reiche konnten sich das Zauberwerk leisten

Die Texte in Leipzig zählen zur so genannten Gelehrtenmagie. Sie waren keine Sache für jedermann.


Das ist sehr, sehr heikles Wissen. Das ist Machtwissen, und auch immer verbotenes Wissen. Das geschieht immer nur unter Gelehrten, die schreiben und lesen können, die auch Geld haben und Macht und den Zugang zu solchen Themen auch suchen.

Daniel Bellingradt, Juniorprofessor für Buchwissenschaften an der Universität Erlangen

Diese Werke unterlagen der Zensur, vor der Öffentlichkeit sollten sie geheim bleiben. Fürsten besaßen solche Schriften, Klöster lagerten sie, Ärzte studierten sie im Geheimen. Gerade die Reichsten der Reichen seien dem Reiz des Verbotenen erlegen, glaubt Bellingradt.

Ob Menschen damals wirklich Hokus Pokus mit den Zaubersprüchen betrieben haben, ist fraglich. Beweise für erfolgreiche Zauberrituale sind Mangelware. Doch es gibt Indizien:

Für diese Sammlung, die wir hier haben, haben wir zufällig den Preis rausbekommen. Das wird verkauft für den Gegenwert von zwei bis drei Innenstadthäusern in Leipzig. Zeitgenössisch. Und das nehmen wir als Indiz dafür, dass es nicht für kompletten Blödsinn gehalten wurde.

Daniel Bellingradt, Juniorprofessor für Buchwissenschaften an der Universität Erlangen

Und die Bücher beschreiben äußerst genau, wie die Zauber durchzuführen sind: so wie heute Rezepte in Kochbüchern (fast) jedes Gericht gelingen lassen. Der Schluss liegt nahe, dass die Zaubersprüche nicht nur 'gelesen' wurden.

Daniel Bellingradt interessiert sich jedoch weniger dafür, ob die Rituale wirklich angewandt wurden. Spannender sind für ihn die Begleiterscheinungen: Die Sammlung ist über Umwege in Leipzig gelandet und gibt Einblicke in den Handel verbotener und teurer Bücher im 18. Jahrhundert. Die Texte sind in Deutsch verfasst worden, zu einer Zeit in der die meisten Texte noch lateinisch waren. Sie sollten möglicherweise einem breiteren Publikum gezeigt werden. Der Leipziger Magiekodex zählt mit zehntausend Seiten Umfang zu den größten Zaubersammlungen und ist ein Fundus für Historiker und Kulturwissenschaftler. Er zeigt in gewisser Weise, dass Zauberei durchgängig ein Teil der menschlichen Geschichte ist. Ob sie nun gelingt oder nicht.

Zeichnung einer Figur, die Teil eines Zauberspruchs ist
Wie beschwört man einen wohlgesinnten Geist mit lockigem Haar? Das Experiment mit dem Geist des Barons hält die Antworten parat. Bildrechte: MDR/Maximilian Heeke

Über dieses Thema berichtet MDR-Aktuell auch im: Radio | 18.08.2017 | 06:45 Uhr

Hokus Pokus
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2017, 09:14 Uhr