Ein Frosch sitzt auf einem Stängel.
Bildrechte: MDR/Frank Koschewski

Lebendiger Atlas aus Leipzig Wer Arten schützen will, muss sie kennen

Artenschutz ist Fleißarbeit. Denn zuerst muss beobachtet, bestimmt und gezählt werden. Ein Lebendiger Atlas soll diese Daten erstmals bundesweit zusammenfassen. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig hat der Bundesregierung zusammen mit weiteren Partnern einen konkreten Vorschlag unterbreitet, wie das gehen kann.

von Kathleen Raschke-Maas

Ein Frosch sitzt auf einem Stängel.
Bildrechte: MDR/Frank Koschewski

Bevor wir überhaupt wissen, ob und welche Arten bei uns besonderen Schutz brauchen, müssen wir sie erst einmal in ihren natürlichen Lebensräumen finden, eindeutig erkennen und zählen. Auf einer Fläche von 357.376 Quadratkilometern in unserem Land ist das ein mühsames Unterfangen, und ohne den Einsatz von Freiwilligen undenkbar. Citizen Scientists, Menschen, die in ihrer Freizeit forschen, tragen genau die Daten zusammen, die Wissenschaftler und Naturschutzbehörden benötigen, um eine Einschätzung zur heimischen Artenvielfalt abgeben zu können. Und sie finden Tiere und Pflanzen auch dort, wo andere gar nicht hinkommen oder sie nicht vermuten.

Roland Krämer
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Über 90 Prozent der Daten im Naturschutz stammen von ehrenamtlichen Helfern. Da kann man schon sagen, dass Naturschutz ohne Ehrenamtliche gar nicht möglich wäre.

Roland Krämer, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung-UFZ/ Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)

Und ohne eine Zusammenfassung der Daten über die Grenzen der Bundesländer hinweg eigentlich auch nicht.

Der Förderalismus in Deutschland stellt den Artenschutz vor eine besondere Herausforderung. Daten werden regional unterschiedlich erfasst. Was hier als Unterart gilt, wird woanders als eigene Art bewertet. Das macht es manchmal schwer, überregionale Strategien zu entwickeln.

Roland Krämer

Genau hier setzt der Lebendige Atlas für Deutschland mit seiner Datenzusammenfassung an. An ihm sollen sich Naturschutzorganisationen und Behörden orientieren können, wenn es zum Beispiel um Schutzmaßnahmen geht. Das Tagfaltermonitoring des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig ist ein Citizen-Science-Projekt, das diese Ansprüche bereits erfüllt. Seit 2005 beobachten und zählen Freiwillige in ganz Deutschland Schmetterlinge. Diese Daten werden dann von Wissenschaftlern zusammengefasst und hinzugezogen, wenn es darum geht, Schutzmaßnahmen zu realisieren. Die Ergebnisse haben sich so bewährt, dass es ähnliche Projekte inzwischen in ganz Europa gibt.

Lebendiger Atlas - mehr als nur Fakten

Der Lebendige Atlas soll auch das immense Wissen der Freiwilligen bewahren, das sie sich oft über Jahrzehnte angeeignet haben. Besonders auf dem Gebiet der Artenbestimmung sind die Freizeitforscher oft wahre Experten.

Diese Kenntnisse sind von unschätzbarem Wert für uns. So etwas wird heute kaum noch an den Universitäten gelehrt.

Roland Krämer

Nur sind diese Experten derzeit im Schnitt zwischen 50 und 60 Jahre alt, der Nachwuchs hält sich eher noch zurück. Projekte im Rahmen des Lebendigen Atlas´ sollen Kinder und Jugendliche wieder mehr für die Natur und das Forschen begeistern.

Wann kommt er - der Lebendige Atlas?

Gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Naturschutz hat das Helmholtz-Zentrum für Naturschutz in Leipzig mit einer Studie bewiesen, dass der Lebendige Atlas machbar und notwendig ist. Inzwischen wurde das Papier an die Bundesregierung übergeben.

Wir gehen davon aus, dass spätestens 2018 darüber entschieden wird, ob und in welchem Umfang diese Plattform realisiert wird. Das ist ein komplexes und bundesweites Projekt, daher ist eine schrittweise Umsetzung sicher sinnvoll.

Dr. Roland Krämer

Schon Humboldt war Citizen Scientist

Bei uns in Deutschland gilt die Citizen Science erst seit etwa 15 Jahren als anerkanntes wissenschaftliches Instrument. Bis dahin zweifelten die Akademiker an der Zuverlässigkeit der von "Laien" gesammelten Daten. Dennoch hat die Freizeitforschung auch bei uns schon eine Jahrhunderte alte Tradition. Alexander von Humboldt war zum Beispiel in seiner Jugend ein solcher Freizeitforscher, der Insekten, Steine und Pflanzen sammelte.

Über dieses Thema berichtete MDR im Fernsehen LexiTV | 22.05.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2017, 10:56 Uhr