Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage beim Arbeitgeber
Bildrechte: dpa

Krank auf Arbeit Depression: Sag ich's meinem Chef?

Eine gebrochenes Bein lässt sich nicht verstecken - eine Depression schon, zumindest für einige Zeit. Deshalb fällt die Entscheidung schwer: Sage ich, welche Krankheit ich habe oder sage ich es nicht? Grundsätzlich geht es niemanden etwas an, woran man leidet. Aber ganz so einfach ist es bei einer Depression eben nicht.

von Karsten Möbius

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zur Vorlage beim Arbeitgeber
Bildrechte: dpa

Waltraut R. hätte sich sofort outen können, wenn sie es gewollt hätte. Sie wusste sofort, dass sie eine Depression hatte. In den Jahren zuvor hatte sie sich um iher demente Mutter gekümmert und um ihren Sohn, der ebenfalls an einer Depression litt. Daher kannte sie sich mit den Symptomen bereits aus. Als eines Tages in ihrem Büro das Telefon klingelte und sie nicht mehr in der Lage war abzunehmen, war ihr klar, was los war:

Und das war für mich der Auslöser, wo ich gedacht habe: So, jetzt ist es soweit. Dann hab ich zusammengepackt, ging zu meiner Ärztin und die hat mich sofort krank geschrieben.

Waltraud W., Patientin

Natürlich hat Waltraud W. überlegt, was sie ihrem Chef sagt. Ihre Ärztin meinte, spätestens wenn ein Krankenschein vom Psychiater kommt, ahnen alle was los ist. In dem Falle half eine Halbwahrheit:

Ich hab das Wort "Burnout" benutzt in dem Fall. Ich hab nicht Erschöpfungsdepression gesagt, sondern Burnout, weil das immer noch besser klingt.

Waltraud W., Patientin

Bei Katrin M. war das anders. Sie wusste lange nicht, was mit ihr los war, obwohl sie selbst Krankenschwester in der Akut-Psychiatrie ist:

Ich hab immer gedacht, irgendwas stimmt zwar nicht. aber was es genau ist, da hatte ich keinen Plan.

Katrin M., Patientin

In dem Falle konnte die Betroffene gar nicht sagen, dass sie an einer Depression erkrankt ist, weil sie es selbst noch nicht wusste. Aber genau dadurch kann ein ganz anderes Problem auftreten. Niemand von den Kollegen oder Vorgesetzten kann das veränderte Verhalten einordnen oder die Tatsache, dass man seine Aufgaben nicht mehr so erfüllen kann wie früher. Das sorgt natürlich für Unzufriedenheit und Ärger. Oft verlieren Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, genau deshalb auch ihre Arbeit. Es kann also auch hilfreich sein, sich zu outen, sobald man eine Diagnose vorliegen hat:

Damit kann ich manches Missverständnis und manches scharfe Wort, was vielleicht vor der Diagnose gefallen ist, auch nachträglich aus der Welt schaffen.

Dr. Christian Gravert, Betriebsarzt der Deutschen Bahn AG

Offenheit kann Erleichterung verschaffen

Scham und Schuldgefühle sind ebenfalls Gründe, warum Betroffene zögern, sich zu outen. Oft erleben sie dann aber eine Art Befreiung, wenn sie den Schritt gewagt haben.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl
Bildrechte: MDR/Stefan Straube

Sie merken dann, dass sie nicht alleine sind, dass sehr viele Menschen - fast die Hälfte der Bevölkerung - direkt oder indirekt von der Krankheit Depression betroffen ist.

Prof. Ulrich Hegerl, Vorstand der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Am Ende bleibt es eine schwere Entscheidung...

Ob man sich mit einer Depression seinem Arbeitgeber offenbaren sollten, muss am Ende ein jeder für sich selbst entscheiden. Letztendlich spielt auch eine Rolle, welches Vertrauensverhältnis man zueinander hat. Grundsätzlich geht die eigene Krankheit niemanden etwas an, Offenheit kann aber helfen, Verständnis zu schaffen und der Depression anders zu begegnen.

Was man während einer Depression auf jeden Fall vermeiden sollte: Weitreichende Entscheidungen zu treffen. Wenn man wieder gesund sind, könnte man die Kündigung oder den Wechsel des Arbeitsplatzes bereuen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 25.08.2017 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2017, 16:14 Uhr