Silhouette eines Kindes
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4. Patientenkongress in Leipzig Depression – Zerreißprobe für die Familie

Eine Depression stellt das ganze Leben auf den Kopf. Nicht nur das eigene, sondern auch das der ganzen Familie. Wer an dieser Krankheit leidet, verändert sich und zieht sich zurück in eine Welt, in die ihm selbst die vertrautesten Menschen nicht mehr folgen können. Karsten Möbius hat eine Mutter getroffen, die genau vor so einer Zerreißprobe stand.

Silhouette eines Kindes
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Waltraut W. ist eine gestandene Frau, Managerin in einem großen deutschen Unternehmen. 2007 bemerkte sie extreme Veränderungen an ihrem erwachsenen Sohn:

Er hat den Kontakt zu seinen Freunden abgebrochen, hat sich exmatrikuliert. Er hat sich immer mehr in sich zurückgezogen. Ich konnte ihn nicht mehr ansprechen. Ich habe keine Antworten mehr bekommen.

Waltraud W.

Das Verhalten ihres Sohnes löste ganz verschiedene Reaktionen bei ihr aus: Traurigkeit, Verzweiflung und auch Wut. Ganz gleich, wie sehr sie sich mühte, sie konnte ihn nicht mehr erreichen - obwohl sie immer über alles sprechen konnten, und ein gutes Verhältnis zueinander hatten.

Waltraut W. war völlig ratlos. Es dauerte eine Weile, bis sie anfing nachzulesenund zu recherchieren, um herauszufinden, was mit ihrem Sohn los sein könnte. Der Verdacht, dass ihr Sohn an einer Depression erkrankt sein könnte, wurde immer konkreter. Vorsichtig äußerte sie ihre Vermutung. Ein dreiviertel Jahr nach den ersten Symptomen ging ihr Sohn zum Arzt - der Anfang einer regelrechten Odyssee:

Da stimmte die Chemie nicht beim ersten Mal. Da geht man halt zum nächsten und nochmal zum nächsten.

Waltraud W.

In der Regel wartet man ein halbes Jahr auf einen solchen Arzttermin. Je häufiger man wechselt, desto länger dauert es dann also, bis wirklich eine Behandlung beginnen kann. Der Sohn fand kein Vertrauensverhältnis zu den Ärzten, konnte sich nicht öffnen. Außerdem war er der Meinung, er sei gar nicht krank. Zwei Jahre später wollte sich ihr Sohn das Leben nehmen. Die Mutter selbst war inzwischen auch am Ende:

Als ich gesehen habe bei einem gemeinsamen Frühstück, wie schrecklich das Leben für ihn ist, da habe ich gedacht: Wenn jemand so am Leben leidet, darf ich ihn nicht mehr zurückhalten.

Waltraud W. glaubt, dass es ihre Verzweiflung war, die ihren Sohn dazu brachte, sich ins Krankenhaus einliefern zu lassen. Dort begann er zu verstehen, dass er kein Versager ist, sondern einfach nur krank:

Als mein Sohn damals das erste Mal in der Klinik war, hat er gesagt: 'Ich verstehe gar nicht, warum ich mich so sehr gewehrt habe in eine Klinik zu gehen.' Da hat er zum ersten Mal so richtig bewusst erlebt: Meine Güte, ich bin nicht allein!

Waltraud W.

Inzwischen hat ihr Sohn sein Studium beendet, arbeitet in einem guten Job und hat eine Frau, die ihn sehr unterstützt. Auf die Frage, ob sie wieder ein halbwegs normales Leben führen, muss Waltraud W. lächeln:

Unser Leben ist wieder total normal. Damals hätten wir nie gedacht, dass es je wieder so werden kann.

Depression in der Familie oder im Freundeskreis - Was tun?

Eine Depression kann einen Menschen völlig verändern. Ein sonst lebensfroher Mensch zum Beispiel wird antriebslos, leidet an Schuldgefühlen, innerer Leere und Hoffnungslosigkeit. Bei Angehörigen oder Freunden löst das Hilflosigkeit aus, Schuldgefühle oder gar Ärger. Hält die depressive Phase länger an, fühlen sie sich überlastet und erschöpft hinzukommen, weil sie dem Kranken viele alltägliche Aufgaben abnehmen müssen. Selbsthilfegruppen können in so einem Fall eine wichtige Hilfe sein.

Mann und Frau kämpfen um ein Fragezeichen
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Wichtig! Einen Arzt zu Rate ziehen!
Geduldig bleiben!
Sich selbst nicht überfordern!
Zurückhaltung mit gut gemeinten Ratschlägen!
In dieser Situation keine wichtigen Entscheidungen treffen!
Sich mit einem möglichen Suizid auseinandersetzen!

Weitere Informationen und Kontakte finden Sie hier:

4. Deutscher Patientenkongress Depression in Leipzig Alle zwei Jahre lädt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe gemeinsam mit der Deutschen DepressionsLiga und dem Deutschen Bündnis gegen Depression zu diesem Kongress nach Leipzig ein. Dieses Jahr treffen sich Betroffene, Angehörige und Experten am 26. und 27. August im Leipziger Gewandhaus unter dem Motto "Den Betroffenen eine Stimme geben". Schirmherr und Moderator ist Harald Schmidt.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im: Radio | 23.08.2017 | 07:24 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2017, 15:38 Uhr