Eine Frau sitz zusammengekauert auf dem Boden
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Patientenkongress mit Harald Schmidt Depression: Was können Online-Hilfen wirklich?

Wer an einer Depression leidet, braucht dringend ärztliche Hilfe. Doch auf einen Arzttermin wartet man oft ein halbes Jahr. Eine Möglichkeit, diese Zeit zu überbrücken sind digitale Helfer - Online-Tools. Aber was können sie wirklich? Wie sind sie für die Betroffenen zu handhaben?

von Karsten Möbius

Eine Frau sitz zusammengekauert auf dem Boden
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Yvonne Mädchen hatte eine schwere Depression. Sie kam gar nicht mehr aus dem Bett. Andere schaffen es nicht über die Straße oder stehen völlig hilflos im Supermarkt, weil sie nicht einkaufen können. Kann einem in diesem Zustand ein Onlineprogramm, ein Onlinetool helfen?

Nein, in diesem Zustand hätte mir das Tool nicht helfen können. Ich wäre gar nicht mehr in der Lage gewesen, den Computer anzustellen und mich davorzusetzen.

Yvonne Mädchen

Onlinetools setzen erst einmal voraus, dass man es noch oder wieder schafft, überhaupt ins Internet zu gehen. Gelingt das, bekommt man Zugriff auf Selbstmanagementprogramme oder Apps, die die Schlafgewohnheiten analysieren. Solche Programme helfen also nur bei leichten Depressionen oder wenn man sich bereits auf dem Weg der Besserung befindet. Yvonne Mädchen begann mit dem Onlinetool "I fight Depression" zu arbeiten, als sie aus dem Krankenhaus kam. Es wurde mit Unterstützung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe entwickelt und wird inzwischen von etwa 1.000 Erkrankten genutzt.

Man muss sich das ja so vorstellen: Man ist acht Wochen lang in einer Klinik, wie unter einer Käseglocke. Und auf einmal ist man wieder draußen und muss den Alltag wieder selbst bewältigen.

Yvonne Mädchen

Und genau dabei helfen solche Onlinetools. Denn Strukturen einzuhalten, sich wieder zu organisieren, zu motivieren - das sind die größten Probleme.

Ich hab dort alles reingeschrieben: Von frühmorgens Aufstehen, Zähneputzen, Duschen bis hin zum Geschirrspüler ausräumen. Dann schreibt man immer noch rein, wie man sich dabei gefühlt hat, auf einer Skala von eins bis zehn. Mir hat das sehr geholfen, wieder in den Alltag hineinzufinden.

Yvonne Mädchen
App gegen Depressionen
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Schlafprotokolle und Analysen des Schlafverhaltens ermitteln die optimale Schlafzeit, denn viel Schlaf tut bei Depression oft gar nicht gut. Auch dabei hat das Programm Yvonne Mädchen geholfen. Sie hat ihrer Therapeutin gestattet, ihre Aufzeichnungen mitzulesen:

Ich hatte dadurch das Gefühl, dass jemand da ist, der mitlesen kann und der dann entscheidet: Hm, das geht jetzt in eine ganz komische Richtung. Dagegen müssen wir jetzt was tun.

Yvonne Mädchen

"I fight Depression" ist ein Programm, das Ärzte ihren Patienten an die Hand geben. Es gibt andere, die auch ohne Begleitung genutzt werden können. Yvonne Mädchen fühlt sich im Moment sehr gut und möchte trotzdem auf die Hilfe des Tools nicht verzichten:

Wir haben jetzt August 2017, im Oktober 2015 bin ich an der Depression erkrankt und ich muss sagen, ich benutze Teile aus dem Tool immer noch.

Yvonne Mädchen

Keine Alternative - aber eine geprüfte Ergänzung

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe sieht solche Programme nicht als Ersatz für eine ärztliche Behandlung, aber als Ergänzung und Unterstützung. Studien stellen solchen Online-Programmen gute Noten aus, sagt Prof. Ulrich Hegerl vom Vorstand der Stiftung Deutsche Depressionshilfe:

Prof. Dr. Ulrich Hegerl
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Die Daten zeigen, dass solche internetbasierten, psychotherapieähnlichen Programme unter bestimmten Voraussetzungen ähnlich oder gleich gut wirken wie eine ganz normale Psychotherapie, bei der man sich gegenüber sitzt.

Die Erfahrungen von Yvonne Mädchen bestätigen das. Ihr Fazit klingt so:

Wenn ich das Tool in einem Satz beschreiben müsste, würde ich immer sagen: Man nimmt sich einen Psychiater mit nach Hause.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 23.08.2017 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2017, 10:29 Uhr