Spitzbogiges Gangprofil (Bef. 35307). Die Schichtung der Verfüllung zeigt an, dass der Gang im Laufe der Zeit durch natürliche Sedimentationsprozesse verfüllt worden ist.
Ausgrabungen im Saalekreis: Der spitze Bogen des Ganges ist auch heute nioch zu erkennen. Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt

Zufluchtsort oder Kultstätte? Rätselhaftes Gangsystem im Saalekreis

Überall in Europa liegen unter der Erde von Menschen geschaffene Höhlenkammern, um die sich viele Geheimnisse ranken. 2010 wurde erstmals auch in Sachsen-Anhalt solch ein mittelalterlicher Erdstall ausgegraben - und mit ihm viele Fragen. Wofür nutzten die Menschen diese unterirdischen Räume? Als Zufluchtsort? Als Kultstätte? Als Seelenkammern für Verstorbene?

von Kathleen Raschke-Maas

Spitzbogiges Gangprofil (Bef. 35307). Die Schichtung der Verfüllung zeigt an, dass der Gang im Laufe der Zeit durch natürliche Sedimentationsprozesse verfüllt worden ist.
Ausgrabungen im Saalekreis: Der spitze Bogen des Ganges ist auch heute nioch zu erkennen. Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt

Als die ICE-Trasse Erfurt-Leipzig/Halle gebaut wurde, hatten die Archäologen aus Sachsen-Anhalt alle Hände voll zu tun. Entlang der künftigen Bahnlinie untersuchten sie drei Jahre lang den Boden und entdeckten dabei im kleinen Ort Niederwünsch, zwischen Mücheln und Bad Lauchstädt im Saalekreis, etwas, das sie nicht erwartet hatten: einen Erdstall. Das ist ein System aus niedrigen Gängen und Kammern, die scheinbar in sinnloser Reihenfolge im Untergrund angelegt und durch Verengungen miteinander verbunden wurden. Viele Abschnitte waren bereits eingestürzt und so mit Löß gefüllt, dass die Wissenschaftler dort nichts mehr erkennen konnten. Die Zugänge des Systems jedoch konnten sie freilegen.

Die Form der Gänge ist kein Stilmittel, hier geht es allein um die Statik.

Landesamt für Denkmalschutz und Archäologie, Sachsen-Anhalt

Nach den Ausgrabungen war deutlich zu erkennen, dass der Boden der Gänge leicht gewölbt, die Decke hingegen eher spitz geformt ist. Damit wird das Gewicht des Erdreiches abgefangen, damit der Hohlraum nicht einstürzt. Wie bei anderen Erdställen, die man bislang vor allem in Süddeutschland und Österreich entdeckt hat, legt das die Vermutung nahe, dass die unterirdischen Systeme nicht von Laien gegraben wurden, sondern von Menschen mit bergmännischen Kenntnissen.

Groß genug als Zufluchtsort?

Erdstallforscher
Ein Erdstallforscher zwängt sich durch die Verbindung von einem Hohlraum zum anderen. Es ist so eng, dass seine Hüfte fast komplett vom Erdreich umschlossen ist. Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

Über die Frage, wozu diese speziellen Kriechgangsysteme dienten, diskutieren Experten, seit sie sich mit dem Phänomen der Erdställe beschäftigen. Eine These ist, dass sie als Zufluchtsort und Versteck bei Überfällen genutzt wurden. Dagegen sprechen jedoch die Abmessungen der unterirdischen Bauwerke, auch dessen in Niederwünsch. Mit einer Höhe zwischen 60 Zentimetern und 1,10 Meter und einer Breite von 40 bis 65 Zentimetern war er nur für schmale, geschickte und körperlich fitte Menschen zu durchdringen. In einem Notfall hätten ältere Menschen oder Schwangere keinerlei Chance gehabt, im Gangsystem vorwärts zu kommen, schon gar nicht, wenn es schnell gehen musste. Außerdem ist der Sauerstoff in diesen kleinen Hohlräumen schnell aufgebraucht, weil es kaum Frischluftzufuhr gibt.

Christliche Seelenkammern oder Heidnischer Kultort?

Das Kriechgangsystem in Niederwünsch war durch eine Kirche zugänglich. Von der Ostwand des Gotteshauses führte der Gang hinab in etwa 1,30m Tiefe und weiter in Richtung Kirchenmitte. Die Archäologen fanden Holzkohlereste und Steine, die teilweise verkohlt waren. Außerdem konnten sie nachweisen, dass sich der Gang unter Kirche teilte: in Richtung Norden, wo er außerhalb des Gemäuers an die Oberfläche führte. Der Gang, der gen Süden führte, war nach zwei Metern verschüttet. Außerhalb der Kirchenmauern entdeckten die Archäologen noch zwei weitere Gangabschnitte, die aber einen Meter vor dem benachbarten Gräberfeld aprupt enden. Endweder war hier ein Zugang, oder der Gang endete blind.

Ausschnitt aus dem Gesamtplan. Teilweise rekonstruierter Verlauf des Erdstalls mit Kirchengrundriss und Pfostenstellungen  innerhalb und außerhalb der Kirche.
Verlauf des Gangsystems von Niederwünsch (nördlich des Geiseletalsees) unter der Kirche. Rechts im Bild: Das Gräberfeld. Bildrechte: A. Otto, LDA Sachsen-Anhalt

Die Tatsache, dass die Erdställe in Niederwünsch unter einer Kirche angelegt wurden, legt die Vermutungen nahe, dass sie eine christliche Bedeutung hatten. Es ist denkbar, dass sie als Seelenkammern oder Scheingräber angelegt wurden, um so zum Beispiel an das Grab Christi zu erinnern. Eine weitere Möglichkeit ist, dass sie den Verstorbenen als vorläufige Ruhestätten dienten. Bis ins hohe Mittelalter glaubten die Menschen an die Unterwelt, in der die Seelen auf den Jüngsten Tag warteten. Um deren Lage in diesem Zwischenzustand je nach Sündenlast zu verbessern, traten die Lebenden durch Fürbitten mit dieser Unterwelt in Verbindung. Es ist anzunehmen, dass die Toten erst danach auf dem Friedhof bestattet wurden. Das würde die Nähe der Gangysteme zur Kirche als Ort des Gebetes, der Fürbitte, und zum Gräberfeld erklären. Erdstallforscher aus Bayern mutmaßen für ihre Funde hingegen, dass die Kriechgänge heidnischen Kulten dienten und erst später Kirchen darüber gebaut wurden, um sie mit christlichen Ritualen zu dominieren.

Eine Holzschnitzerei zeigt Sünder im Fegefeuer
Holzplastik, die zeigt, wie sich die Menschen im Mittelalter das Fegefeuer in der Unterwelt vorstellten. Bildrechte: IMAGO

Weder die eine noch die andere These ließ sich bislang beweisen oder widerlegen, weil in den verlassenen Gängen außer Steinen und gelegentlich Holzkohleresten nichts zu finden war, was irgendwie auf die Nutzung schließen ließ. Außerdem gibt es bislang keinerlei historische Quellen, in denen Erdställe erwähnt werden. Das war auch einer der Gründe, warum Archäologen das Phänomen lange den Heimat- und Hobbyforschern überließen.

Mittelalterliche Relikte

Ein slawischer Schläfenring
Solche Schläfenringe waren ein typischer Schmuck im Mittelalter. Anhand ihrer Beschaffenheit und Größe können Archäologen bestimmen, aus welcher Region sie genau stammen und aus welcher Zeit. Bildrechte: IMAGO

Inzwischen sind sich die Archäologen relativ sicher: Die unterirdischen Ganganlangen, ganz gleich wo, müssen zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert entstanden sein. Viele der Gänge wurden im Spätmittelalter bewusst verfüllt. Wie alt der Erdstall in Niederwünsch sein könnte, konnten die Archäologen aus dem benachbarten Gräberfeld schließen. Dort fanden Sie in den Frauengräbern neben Perlen und Fingerringen über 40 silberne Schläfenringe, die aus dem 11. bis 12. Jahrhundert stammen müssen. Die Frage nach dem Alter der rätselhaften Gangsysteme ist also beantwortet, aber viele Fragen sind noch immer offen. Deshalb haben sich Erdstallorscher zu einer Interessegemeinschaft zusammengeschlossen, in der sie ihre Erkenntnisse untereinander austauschen.

Über dieses Thema berichtet der MDR im Fernsehen: LexiTV | 15.06.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2017, 11:22 Uhr