Auge einer Frau
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Diskussion um Gen-Chirurgie Dürfen wir den perfekten Menschen formen?

Weltweit wird in Laboren am menschlichen Erbgut "herumgeschnippelt". In der Genomchirurgie können mit präzisen Genscheren Gene verändert, herausgeschnitten und ersetzt werden. Praktisch ist vieles möglich. Doch vor der Praxis steht die Ethik: Darf der Mensch alles, was er kann? Der Hoffnung, Krebs zu heilen, Erbkrankheiten zu verhindern, steht die Angst vor Missbrauch gegenüber. Damit beschäftigt sich die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina auf ihrer Jahresversammlung.

von Karsten Möbius

Auge einer Frau
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Das Wissen über unser Erbgut und wo welche Informationen in unserem Bauplan versteckt sind, explodiert derzeit regelrecht. Ein Grund sind Genscheren, mit denen sich gezielt Gene herausschneiden lassen, um zu sehen, welche Funktion sie haben. So will zum Beispiel Professor Frank Buchholz von der TU Dresden herausfinden, welche Gene entscheidend für die Krebsentstehung sind.

Prof. Frank Buchholz
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Es ist sicherlich eine Revolution, weil damit ganz neue therapeutische Anwendungen möglich werden, die es so vorher nicht gab und wo dann genau die Grenze ist, das muss dann in einer gesellschaftlichen Diskussion ausgelotet werden.

Frank Buchholz

Es geht dabei um Fragen wie: Darf ich einen Embryo genetisch verändern, um eine schwere Erbkrankheit zu verhindern? Auch um den Preis, dass ich in die Keimbahn eingreife und damit das Erbgut seiner Nachfahren für alle Zeit verändere? Darf ich Mücken, die Malaria verbreiten, genetisch unfruchtbar machen, damit die Malaria nicht mehr verbreitet wird - aber um den Preis, dass diese Mückenart aussterben könnte? Das alles hört sich erstmal faszinierend an, sagt Prof. Jochen Taupitz, Jurist und Ethiker. Es birgt aber auf den zweiten Blick jede Menge Risiken:

Also wenn alle Mücken ausgerottet werden, dann verhindert man natürlich auch eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel und andere Tiere und wie sich das auf das Ökosystem auswirkt und ob dann nicht andere Insekten an die Stelle der Mücken treten und dann vielleicht auch wieder Malaria übertragen, das sind kaum sicher prognostizierbare Auswirkungen.

Jochen Taupitz

Mensch nach Plan - Eine Frage der Würde?

Mann mit grauem Bart, Brille und wenig Haar
Medizinethiker Jochen Taupitz Bildrechte: dpa

Aber es geht nicht allein um die Frage von Chancen und Risiken. Es geht auch um soziale Fragen: Sollten wir Genchirurgie dazu nutzen, den vermeintlich perfekten Menschen zu formen?

Prof Taupitz fragt, ob man damit nicht die Menschenwürde verletzt, weil man ihn wie ein Werkstück nach den eigenen Wünschen formt. Und noch eine ganz andere Frage tut sich auf: Wer wird das bezahlen und wer kann das bezahlen? Teilt die Genom-Chirurgie die Gesellschaft noch schärfer in Arm und Reich?

Kommen wir dann zu einer genetischen Zweiklassengesellschaft, dass die Reichen sich solche Verbesserungen für ihre Kinder leisten können und Arme müssen mit der Lotterie des Schicksals leben? Dürfen denn zum Beispiel dunkelhäutige Eltern, weil sie glauben, dass ein weißhäutiges Kind eine bessere Chance in unserer Gesellschaft hat, darf man ihnen erlauben die Hautfarbe zu modellieren im vermeintlich besten Sinne des Kindes?

Jochen Taupitz

Das ist nur ein winzig kleines Spektrum der Fragen, die die Gen-Chirurgie mit sich bringt. Die Leopoldina fordert darüber eine breite öffentliche Debatte, die bisher leider nicht stattgefunden hat. Die aber notwendig ist, um sich eine Meinung zu bilden, um zu entscheiden, was dürfen wir und was nicht. 

Wissenschaftlerinnen der Biologie während der RNA-Isolierung und gentechnischen Bereich der Laboratorien der Universität Duisburg-Essen.
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Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im ... : Radio | 22.01.2017 | 08:20Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 22. September 2017, 11:49 Uhr