Menschen tippen auf dem Smartphone
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Informatiker-Konferenz in Leipzig Kann das Smartphone die Welt retten?

Wie wäre es, einen persönlichen Schutzengel zu haben, der einen auf Schritt und Tritt begleitet? Das Smartphone könnte es möglich machen. Eine Idee, die auf einer internationalen Konferenz für Informatik an der Uni Leipzig diskutiert wird. Aber kann das Smartphone die Welt wirklich gerechter machen?

Menschen tippen auf dem Smartphone
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Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Smart Cities. Schlagwörter einer vernetzten Welt. Einer Welt, in der das Sammeln, Verarbeiten und Verwenden von Daten allgegenwärtig ist. Einer Welt, in der das Smartphone alltäglicher Begleiter geworden ist.

Die soziale Seite der Informatik

In Leipzig diskutieren in dieser Woche Informatiker aus aller Welt über die Potentiale und Risiken der Vernetzung. Einer von ihnen ist Professor Raj Reddy, indisch-amerikanischer Informatiker und eine Koryphäe auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Er glaubt, dass die Möglichkeiten der Vernetzung bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind. Er stellt sich die Frage, wie das Internet, wie das Smartphone besonders den Ärmsten der Welt helfen kann. Den Millionen Menschen, die nicht am technologischen Fortschritt oder am Wohlstand teilhaben. Armut, Analphabetismus oder Ungerechtigkeit – mit Hilfe von Computertechnologien seien das lösbare Probleme.

Was können Technologien leisten, um die Menschenrechte weltweit umzusetzen?

Raj Reddy, Turing-Award-Preisträgers

Schutzengel-App auf dem Smartphone

Ein älterer Mann indischer Herkunft sitzt in der ersten Reihe eines Hörsaals.
Der weltweit anerkannte Informatiker Raj Reddy interessiert sich besonders für soziale Probleme und die Rolle, die Technologien spielen könnten, um die Probleme zu lösen. Bildrechte: Max Heeke

Sein Ansatz: Jeder Mensch soll ein Smartphone bekommen – geschenkt. Ein Smartphone mit konfigurierten Schutzengeln. Diese Schutzengel (Guardian Angels) seien persönliche Assistenten, die dem Träger "die richtigen Informationen zur richtigen Zeit in der richtigen Sprache im richtigen Medium (Bild, Text, Ton) geben“, so Reddy. Die persönlichen Schutzengel seien wie Apps, die durchgängig im Hintergrund arbeiteten, selbständig Informationen sammelten, aus Verhaltensweisen des Trägers lernten und den Träger unterstützten. Sie könnten ihn vor drohenden Naturkatastrophen warnen, Zugang zu allen möglichen Arten von Wissen ermöglichen oder ganz einfach Rechnungen bezahlen.

Außerdem sollen sie wie in einer Art 'Facebook für Schutzengel' mit anderen Guardian Angels verbunden sein und so Wissen austauschen. Die Hoheit soll beim Träger verbleiben: Er soll in der Lage sein, seinen Schutzengel zu korrigieren, zu unterbrechen oder anders zu konfigurieren. Dennoch sollen die Apps auch arbeiten, wenn das Smartphone aus ist. Ziel ist es, den Trägern gesellschaftlihe Teilhabe zu ermöglichen. So sollen etwa Menschen, die weder lesen noch schreiben können, über gesprochene Sprache mit dem Schutzengel kommunizieren.

Utopie oder realistisches Szenario?

Frau mit Smartphone
Der beste Freund in der Hosentasche: Smartphones sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Bildrechte: IMAGO

Natürlich sind Reddys Ideen Zukunftsvisionen. Doch die Grundlagen für seine Ideen existieren bereits heute. Die technologischen Entwicklungen sind enorm: Die optische Bandbreite, also die Frage, wie schnell wir im Netz surfen können, verdoppelt sich alle zwölf Monate. Prozessoren sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten kleiner und leistungsfähiger geworden, während die Preise gesunken sind. Festplatten haben immer größere Speicherkapazitäten.

2020 könnten Smartphones für um die 50 Dollar zu haben sein. Außerdem werden überall und zu jederzeit Daten gesammelt und ausgetauscht. Telekommunikationsanbieter sammeln Telefondaten, Nachrichten, Bewegungsmuster. Internetriesen beobachten unser Kaufverhalten oder registrieren unsere Suchanfragen. Wir selbst sammeln beispielsweise mit Fitnessarmbändern Daten über unseren Gesundheitszustand. Für Reddys Vorhaben müssten alle Informationen in einer globalen Datenbank zusammengefasst werden. Jeder Mensch müsste mit Namen, Geburtsdatum und Ort in dieser Datenbank zu finden sein, als Grundlage für seinen persönlichen Schutzengel.

Seine Ideen sind kühn, dessen ist er sich bewusst. Datenschutzrechtliche, politische und technologische Probleme stehen der Umsetzung im Weg. Wie sollen die Schutzengel-Apps vor Hackerangriffen geschützt sein? Können sie staatlich gesteuert werden? Wer soll die Datenbank aufbauen? Praktische Probleme, die gelöst werden müssen. Genau dazu ruft Raj Reddy seine Zunft auch auf – soziale Probleme in den Blick zu nehmen. Der erste und wichtigste Schritt sei rasch umsetzbar:

Bis 2020 sollen alle Menschen auf der Welt ein Smartphone besitzen.

Prof. Raj Reddy, Carnegie Mellon University Pittsburgh

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Fernsehen: LexiTV | 23.08.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. August 2017, 21:47 Uhr