Jürgen Rüttgers
Als er die Wahl in Nordrhein-Westfalen verloren hatte, fehlten dem CDU-Politiker Jürgen Rüttgers die Worte. Heraus kam nur ein "Äh..." Bildrechte: IMAGO

Verzögerungslaut Warum „Ähm“ einen Sinn hat

"Ähm" sagen wir, wenn wir Zeit brauchen. Ein Verzögerungslaut, ein Verlegenheitslaut, der keinen guten Ruf hat. Zu Unrecht, sagen Sprechwissenschaftler wie Judith Pietschmann von der Universität Halle. Denn wir brauchen das "Ähm". Und erst, wenn es zur Marotte wird, sollten wir wirklich etwas dagegen tun.

Jürgen Rüttgers
Als er die Wahl in Nordrhein-Westfalen verloren hatte, fehlten dem CDU-Politiker Jürgen Rüttgers die Worte. Heraus kam nur ein "Äh..." Bildrechte: IMAGO
Dr. Edmund Stoiber (Ehrenvorsitzender der CSU)
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Nun haben wir…äähh….der normal verhaltene Bär lebt im Wald geht niemals ähh raus. Und ähh…reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im Jahr. Ähh…wir haben dann einen ääh einen Unterschied zwischen dem sich normal verhaltenden Bär und dem ääh Problembär.

Edmund Stoiber, früherer bayrischer Ministerpräsident in der Debatte über Bruno, den Bären

Das "Äähh" trifft wahrscheinlich keine Schuld, wenn der ehemalige bayerische Ministerpräsident Stoiber unverständlich bleibt. Aber das Äähh/Ähm/Hm gehört fest zur gesprochenen Sprache, sagt Judith Pietschmann, Sprechwissenschaftlerin an der Uni Halle. "Zögerungslaute wie äähms oder ööhms nennen wir Hesitationen oder manchmal auch Lautdehnungen. Sie sind ein Phänomen der Sprechplanung."

Der Mensch spricht beim Denken und denkt beim Sprechen. Zur selben Zeit - und manchmal braucht das Hirn da …äähm…kurze Pausen.

Wenn Pausen versprachlicht werden, dann haben sie so ein Äähm. Das ist eigentlich die Funktion von diesen Hesitationen, dem Hörer zu zeigen: Sie denken jetzt grade. Ich mach jetzt grade ne Denkpause.

Judith Pietschmann, Sprechwissenschaftlerin an der Uni Halle

Ein britischer Wissenschaftler hat die Verzögerungslaute nun näher untersucht. Er zeigte, dass das Ääh wichtig ist für die zwischenmenschliche Kommunikation. Zum Beispiel, um jemanden auf eine Absage vorzubereiten. "Das zeige ich schon nichtsprachlich an, indem ich meinen Beitrag beginne mit…ääähmm…naja…dann ist schon alles klar, ich brauche gar nicht weiter zu sprechen. Man weiß schon: Mist, das klappt nicht", sagt Pietschmann. Ein Ähh schont also unsere Mitmenschen. Zeigt, dass wir gerade denken und… sicher gleich weiter sprechen werden. Und trotzdem hat das Äähh einen schlechten Ruf. Heerscharen von Rhetoriktrainern wollen es ausrotten. Was wiederum Sprechwissenschaftlerin Judith Pietschmann fast amüsiert.

Judith Pietschmann, Sprechwissenschaftlerin Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg
Bildrechte: Johannes Schiller, MDR

Das ist im Prinzip auch das, was die Laienrhetorik vorgibt. Befolge Regel 1, 2, 3 – nämlich maximal drei ääähm. Dann wird es ein wirkungsvoller und optimaler Vortrag. Stimmt aber nicht.

Judith Pietschmann

Das Ääh darf durchaus im Vortrag vorkommen, weil es zum natürlichen Fluss der gesprochenen Sprache gehört. Der Rat, auf die eigenen Äähms zu achten, geht sowieso fast immer nach hinten los. Gerade erst hat Pietschmann angehenden Lehrern beigebracht, bessere Vorträge zu halten. Viele waren verunsichert und fragten nach dem Ääh. Pietschmann rät dann: „Hat Ihnen das schon jemand gesagt? Sagen Freunde oder Leute aus dem Bekanntenkreis Ihnen, Sie würden dauernd ähhm sagen? Dann ist es zu viel."

Kommt aber selten vor, sagt sie. Abtrainieren müssten sich das Äähh nur Menschen, bei denen es zur Marotte geworden ist. Sie nennt Politiker und Reporter. Ähhh… Danke.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 10.04.2017 | 09:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 10:47 Uhr