Englischunterricht
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Fremdsprachen Ist Englisch in der Grundschule sinnvoll?

Je jünger Kinder sind, desto leichter lernen sie fremde Sprachen. Eltern und Bildungspolitiker fordern daher früheren Fremdsprachunterricht. Eine neue Studie sät allerdings Zweifel, ob Kinder wirklich schneller Englisch lernen, wenn sie früher anfangen.

von Clemens Haug

Englischunterricht
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Je eher der Englischunterricht beginnt, desto besser finden sich Kinder in der fremden Sprache später zurecht, glauben Bildungspolitiker und Eltern gleichermaßen. Gemeinsam forderten sie in den vergangenen Jahren immer wieder früheren Start von Englisch in der Schule. Eine neue Studie der Universitäten Bochum und Dortmund kommt nun allerdings zum umgekehrten Schluss. Demnach schnitten in der siebten Klasse diejenigen Schüler in Englisch besser ab, deren Sprachunterricht später begonnen hatte.

Grundlage der Untersuchung sind die Leistungen von insgesamt 5.130 Schülern von 31 Gymnasien aus Nordrhein-Westfalen. Vier Jahre lang, von 2010 bis 2014, sammelten die Forscher um Nils Jäkel und Markus Ritter Daten. Dabei maßen sie jeweils in der fünften und in der siebten Klasse das Lese- und das Hörverständnis der Kinder. Ergebnis: Während in der fünften Klasse diejenigen besser Englisch konnten, die die Sprache seit der ersten Klasse lernten, war es zwei Jahre später umgekehrt. Dann waren die Kinder besser, die Englisch erst seit der dritten Klasse lernten.

"Der fremdsprachliche Frühbeginn wird häufig hochgelobt, obwohl es insgesamt wenig Forschung gibt, die diesen Mythos unterstützt“, sagt Nils Jäkel, Didaktiker von der Universität Bochum. "Unsere Studie bestätigt Ergebnisse aus anderen Ländern, zum Beispiel Spanien, die zeigen, dass der Frühbeginn mit ein bis zwei Stunden Englischunterricht pro Woche bei Grundschülern auf längere Sicht nur wenig zur Sprachkompetenz beiträgt.“

Geht der Spaß an der Sprache verloren?

Über die Ursache dieser widersprüchlichen Befunde können die Forscher bislang nur Vermutungen anstellen. Im Verdacht haben sie allerdings den Bruch zwischen den Unterrichtsmethoden an der Grundschule und denen am Gymnasium. Werde in den ersten vier Jahren Englisch vor allem spielerisch vermittelt, dominierten danach trockener Grammatik- und Vokabelunterricht. Das verderbe möglicherweise den frühen Englischstartern eher die Lust an der fremden Sprache, weil ihnen der Unterschied deutlicher bewusst werde, vermutet Jäckel. Ein anderer möglicher Grund sei, dass weniger der Zeitpunkt des Beginns eine Rolle spiele denn mehr der Umfang des Grundschulunterrichts.

Hinweise, dass sich die schnellere Anpassungsfähigkeit von Kindern an neue Sprachen in der Umgebung nicht eins zu eins in den Schulunterricht übertragen lässt, gibt es schon länger. Jeff McQuillan, emeritierter Professor für Linguistik und Erziehungswissenschaft und Bildungsforscher aus Los Angeles, weißt in einem Blogbeitrag auf eine Studie von 1979 hin, in der die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen zusammengefasst werden. Demnach sind jüngere Kinder lediglich dann besser als Erwachsene darin, eine zweite Sprache zu lernen, wenn sie von dieser Sprache im natürlichen Umfeld umgeben sind. Mit anderen Worten: Kinder lernen nur dann schneller Englisch, wenn sie in eine englischsprachige Umgebung umziehen. Im Sprachunterricht wiederum lernen aber Erwachsene Grammatikregeln und Vokabeln schneller als Kinder und ältere Kinder schneller als jüngere Kinder.

Die Bildungsforscher um Nils Jäckel stellen aber nicht den früheren Sprachunterricht an und für sich in Frage. Sie schlagen jedoch eine bessere Abstimmung zwischen Grundschul- und Gymnasialunterricht auf der einen sowie mehr Englischstunden ab der dritten Klasse auf der anderen Seite vor.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Figarino | 10.02.2017 | 15:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 13:52 Uhr