Nervenbahnen
Netzwerk im Kopf: Gedächtnissport sorgt für eine bessere Vernetzung im Gehirn. Bildrechte: colourbox

Profi-Methoden helfen auch Normalos Gedächtnissport hält das Gehirn länger fit

Gedächtnissportler scheinen echte Superhirne zu sein: Hunderte Wörter oder Zahlen können sie sich scheinbar mühelos merken. Doch tatsächlich steckt hinter dieser Leistung hartes Training. Diese Übung kann auch Normalos zu einem besseren Gedächtnis verhelfen. Aber bleibt unser Hirn dadurch auch im Alter fit?

von Kristin Kielon

Nervenbahnen
Netzwerk im Kopf: Gedächtnissport sorgt für eine bessere Vernetzung im Gehirn. Bildrechte: colourbox

Gedächtnissportler haben natürlich auch ein besonderes Talent, sagt Ruud Berkers. Der Niederländer forscht am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Doch der eigentliche Trick der Superhirne seien bestimmte Techniken, die ihnen dabei helfen, sich Dinge zu merken, ergänzt er. Eine dieser Strategien ist die Loci-Methode. Dabei helfe das räumliche Denken dabei, bestimmten Orten Begriffe zuzuordnen. Dazu nutzt man einen vertrauten Raum wie die eigene Wohnung oder den Weg zur Arbeit. Im Kopf legt der Gedächtnissportler dann Informationen an Orten in diesem Raum ab und findet sie dort später einfach wieder: Bei einem Rundgang im eigenen Kopf. Was kompliziert klingt, kann jeder lernen, meint Ruud Berkers.

Porträtaufnahme von Postdoc Ruud Berkers - Forscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig im Bereich "Adaptives Gedächtnis"
Hirn-Forscher Ruud Berkers Bildrechte: MPI CBS

Jeder kann diese Methode benutzen, um das eigene Gedächtnis zu verbessern. Besonders im Alter hilft es, wenn das Gedächtnis für abstrakte Informationen schlechter wird. Aber die Technik ist natürlich sehr mühevoll zu erlernen.

Ruud Berkers, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Die Mühe könnte sich lohnen: Eine Studie aus den Niederlanden hat gezeigt, dass sich mit diesem Gedächtnistraining auch die Verknüpfungen im Gehirn ändern - ähnlich wie bei den Muskeln in unserem Körper, die sich durch Sport verändern.

Blatt ausgefüllt mit Nullen und Einsen
Scheinbar endlose Zahlenreihen: Das Lösungsblatt bei einer Gedächtnissport-Meisterschaft. Bildrechte: dpa

Die Verbindungen, über die verschiedene Hirnareale miteinander kommunizieren und Daten austauschen, nehmen demnach deutlich zu.

Auch im Alltag kann die Loci-Methode ganz hilfreich sein: Sie hilft vergesslichen Menschen, abstrakte Informationen im Kopf zu organisieren, indem sie mit bestimmten Orten verknüpft werden. Berkers rät, die Methode zum Beispiel zu nutzen, um sich die Sachen auf einem Einkaufszettel zu merken, wenn man sowas sonst schnell vergisst.

Doch auch die Strategien der Gedächtnissportler haben Grenzen: Im Fall von organischen Hirnschäden wie etwa bei Demenzkranken hilft auch kein Training mehr. Allerdings könnte es die Krankheit hinauszögern, meint Berkers.

Zukünftig können wir vielleicht in der Frühphase erkennen, wer eine Demenz entwickelt und in dieser frühen Phase können diese Techniken definitiv beim Erinnern helfen und künftige Gedächtnisverluste kompensieren.

Ruud Berkers, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Das Training würde sich also in jedem Fall lohnen. Aber es ist wie bei so vielem, was gut für uns ist: Man muss es wirklich machen. Denn auch die Profis wären keine Superhirne ohne regelmäßige Übung. Für das Training gibt es inzwischen mehrere Online-Plattformen und Apps, die auch "Normaldenker" nutzen können.

Mit einem Team aus den Niederlanden hat der Leipziger Neurowissenschaftler Ruud Berkers im Rahmen des internationalen Wettbewerbs "MemrisePrize" ein neues Lern-Programm entwickelt. Bei dem Wettkampf ging es darum, das effektivste Lern-Programm für Vokabeln zu entwickeln. Und Berkers hat mit seinem Team den Titel geholt: Mit ihrem System, das unter anderem verschiedene Gedächtnis-Techniken miteinander kombiniert, konnten sich die Tester im Schnitt doppelt so viele Vokabeln merken wie zuvor. Das Programm soll künftig für jeden Nutzer frei verfügbar im Internet stehen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKUELL: im Radio | 13.03.2017 | ab 05:51 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2017, 12:48 Uhr