Die Illustration eines Troll.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Internet-Kommentare Kann jeder zum Troll werden?

Hass und Wut in Internetkommentaren und sozialen Netzwerken. Im Wahlkampfjahr 2017 wird das noch eine wichtige Rolle spielen. Forscher aus den USA haben jetzt eine umfangreiche Studie zu Hasskommentaren vorgelegt. Fazit der Wissenschaftler: Jeder kann online zum Wutbürger werden.

von Johannes Schiller

Die Illustration eines Troll.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Facebook-Seite von MDR JUMP am vergangenen Wochenende. Viele Nutzer kommentieren einen Text über die Auto-Kennzeichen hoher Politiker - wie dem des Bundespräsidenten. Auf dessen Limousine steht: 0-1.

 „Da wo null drauf steht ist meist auch ne 0 drin.“ |  „Die Halsabschneider sind unterwegs. | „Die haben keine Luxusautos verdient höchstens eine alte Rostlaube.“ | „Hohe Tiere? Verbrecher und Heuchler triffst wohl eher!“

Es ging noch heftiger, manche Kommentare musste die Redaktion sogar verbergen. Sind es nur Einzelne, die bei Facebook und Co. so ausrasten? Nein, meinen Wissenschaftler der Stanford-Universität. Sie meinen: Ein bisschen Troll steck in jedem von uns. Das kann auch JUMP-Redakteurin Katja Woldt aus ihrer Arbeit mit den 300.000 Facebook-Fans des Senders bestätigen.

Katja Woldt, Onlineredakteurin bei MDR Jump
Bildrechte: Katja Woldt

Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass viele einfach sehr viel anonymer sind und nicht ihren tatsächlichen Vor- und Zunamen verwenden.

Katja Woldt, MDR Jump

Die Forscher teilten für ihre Studie knapp 700 Versuchspersonen in zwei Gruppen ein. Gruppe 1 setzten sie künstlich unter Stress. Gruppe 2 nicht. Dann sollten sich beide an der Diskussion unter einem Online-Artikel beteiligen. Und auch hier gab es wieder zwei Gruppen: Eine Gruppe sah Wut-Kommentare, die andere konstruktive Kommentare.

Was kam heraus? Die Testpersonen, die unter Stress standen und die anderen Wut-Kommentare lesen mussten, schrieben viel häufiger selbst einen Hass-Kommentar. Und zwar genau genommen fast doppelt so häufig. Wutbürger kann also jeder sein. Ein Ergebnis, das Julia Krüger vom Center for Internet and Human Rights der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder nicht wirklich überraschend findet.

Kommunikation ist ja immer mit dem Ausdruck von Gefühlen, mit dem Ausdruck einer Beziehung zum Gegenüber verbunden. Es wäre also unsozial, wenn die Stimmung und der Kontext keinen Einfluss auf die Diskussionskultur hätten.

Julia Krüger, Viadrina Frankfurt/O.

Viele Debatten über Hass-Kommentare oder Fake-News hält die Wissenschaftlerin für verkürzt. Weil es aus Krügers Sicht meist keine Rolle spielt, dass es ja tatsächliche gesellschaftliche Probleme gibt.

Wenn man das nicht beachtet, übersiehnt man die wahren Problemen. Dann wird man weder der Radikalisierung gerecht, noch dem, was die Menschen eigentlich zum Ausdruck bringen wollen. Nämlich Unsicherheit, Zukunftsängste, Wut.

Julia Krüger, Viadrina Frankfurt/O.

Einige Netzwerke reagieren. Twitter zum Beispiel will künftig Hass-Kommentare einfach ausblenden. Und zwar ohne dass das der Nutzer selbst es sofort merkt. Der Haken dabei: Es ist eine Art versteckte Zensur.

Bei MDR-Jump setzt Katja Woldt auch auf die Kraft der Community.

Es ist tatsächlich so, dass sich die sich selbst regulieren. Also darauf achten und sagen 'Mensch, das ist jetzt aber übertrieben' oder sich darüber lustig machen. Zum Beispiel mit den passenden Memes oder lustigen Bildern.

Katja Woldt, MDR Jump

Wenn das nicht hilft, erinnert die Redaktion an die Netiquette, die Umgangsformen im Netz. Hilft das nicht weiter, wird der Nutzer gesperrt.kann-jeder-troll-werden

Über dieses Thema berichtet MDR aktuell im Radio | 14.02.2017 | 07:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 11:13 Uhr