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Der Unterschied zwischen Männern und Frauen liegt beim Alkohol im Belohnungszentrum des Gehirns. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alkoholsucht Der Unterschied zwischen Mann und Frau liegt im Gehirn

Dass übermäßiger Alkoholkonsum das Gehirn beeinflusst, ist unumstritten: Zahlreiche Studien zeigen, dass das Gehirnvolumen bei Allkoholsucht nach und nach abbaut. Und Forscher konnten auch schon Defizite im Belohnungszentrum durch jahrelangen Alkoholmissbrauch feststellen. Doch eine Studie der Universität Boston legt nahe, dass es offenbar Unterschiede gibt zwischen den Geschlechtern. Doch übermäßiger Alkoholkonsum ist nicht nur schlecht für das Gehirn, sondern auch für unser Herz.

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Der Unterschied zwischen Männern und Frauen liegt beim Alkohol im Belohnungszentrum des Gehirns. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Studien zum Thema Alkoholsucht und ihre Auswirkungen auf das menschliche Gehirn war das Geschlecht der untersuchten Personen lange egal, so dass sich zahlreiche Studien vor allem auf männliche Probanden konzentrierten. Doch eine Studie, die Wissenschaftler der Boston University School of Medicine im Fachmagazin "Psychiatry Research: Neuroimaging" veröffentlicht haben, legt nahe, dass es da einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt: nämlich im Belohnungssystem von männlichen und weiblichen trockenen Akoholikern.

Forscher vermessen Gehirn von trockenen Alkoholikern

Ein Mann sitzt an der Bar.
Welche Folgen hat Alkoholsucht für das Gehirn? Bildrechte: dpa

Bei Süchtigen spielt das Belohnungssystem unseres Gehirns eine besondere Rolle: Es unterstützt das Verlangen nach Alkohol, vermutet die Wissenschaft. Außerdem sorgt es dafür, dass Süchtige ihren Konsum immer weiter steigern, da der gewünscht Effekt - die "Belohnung" im Gehirn - sonst nicht mehr eintritt.

Die Bostoner Forscher um den Neurowissenschaftler Kayle Sawyer wollten herausfinden, wie sich übermäßiger Alkoholkonsum auf das Belohnungszentrum im Gehirn auswirkt. Dafür haben sie entsprechenden Gehirnareale und die Regionen, die für die Verhaltenskontrolle sorgen, bei jeweils 30 Männern und Frauen ausgemessen. Alle Probanden waren zuvor einmal alkoholsüchtig - waren aber zum Zeitpunkt der Untersuchung seit einiger Zeit trocken. Die Abstinenzdauer reichte dabei von vier Monaten bis hin zu 38 Jahren ohne Alkhol. Die Ergebnisse verglichen die Forscher mit einer Personengruppe ohne Suchtprobleme.

Neuronales Belohnungssystem Das neuronale Belohnungssystem im Gehirn steuert Emotionen wie Sehnsucht, Verlangen und Befriedigung. Es ist ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen. Es funktioniert ähnlich wie ein Schaltkreis: In der Großhirnrinde entsteht ein Verlangen. Folgt der Körper, werden unter anderem an das limbische System und den Hippocampus Signale gesendet. Am Ende wird die Großhirnrinde darüber informiert, dass der Befehl befolgt wurde. Der wichtigste Bote im Belohnungssystem ist der Stoff Dopamin.

Unterschiede zwischen Mann und Frau

Das überraschende Ergebnis: Die Belohnungssysteme von männlichen und weiblichen Probanden unterschieden sich deutlich. Während bei den Männern das Volumen des Belohnungssystems wie erwartet um 4,1 Prozent kleiner als bei den männlichen Nicht-Trinkern war, sah das bei den Frauen anders aus. Die ehemaligen Alkoholikerinnen hatten im Vergleich zu den weiblichen Probanden der Vergleichsgruppe ein um 4,4 Prozent größeres Belohnungssystem.

Röntgenstrahlfotografie
Alkoholsucht hinterlässt Spuren im Gehirn Bildrechte: colourbox

Ein ähnliches Bild bot sich den Forschern bei der Messung des präfrontalen Kortex, der für die Verhaltenskontrolle zuständig ist. Hier zeigen sich ebenfalls deutliche Größenunterschiede: Während die Männer durchschnittlich neun Prozent weniger Volumen als in der Vergleichsgruppe hatten, war das Hirnvolumen bei den Frauen um durchschnittlich 13,6 Prozent größer als bei den weiblichen Vergleichspersonen.

Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass diese statistischen Zusammenhänge nicht aufzeigten, dass bei den Frauen etwa das Belohnungssystem im Laufe einer Alkoholsucht wachse. Vielmehr vermuten sie, dass Frauen bestimmte Besonderheiten im Gehirn haben, die eine Alkoholsucht begünstigen würden. Um diese Theorie zu stützen, fehlten aber bisher entsprechende Langzeitbeobachtungen. Allerdings ist es den Bostoner Wissenschaftlern zufolge möglich, dass das größere Belohnungssystem und der größere präfrontale Kortex für Frauen weitere Risikofaktoren für Süchte sind.

Doch nicht in allen Bereichen der Studie zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So nahm das Volumen des Hippocampus (Teil des limbischen Systems und verantwortlich für Affekte und Gedächtnis) bei Männern und Frauen mit steigender Dauer der Alkoholsucht ab. Während das Gehirnvolumen also schrumpfte, wuchsen die sogenannten Ventrikel gefüllt mit Hirnflüssigkeit an. Doch die Bostoner Wissenschaftler konnten auch nachweisen, dass diese sich mit steigender Abstinenzdauer wieder mehr und mehr zurückbilden.

Bier ist schlecht fürs Herz

Alkohol ist nicht nur schädlich fürs Gehirn und die Leber. Ärzte aus München konnten nachweisen, dass er auch schlecht für unser Herz ist - und das gilt ausgerechnet für des Deutschen Lieblings-Alkohol: das Bier. Wie ein Forschungsteam des Universitätsklinikums München in der Fachzeitschrift "European Herat Journal" schreibt, steigt das Risiko für Herzrhythmusstörungen mit steigendem Bierkonsum deutlich - bis hin zum Vorhofflimmern.

Oktoberfest in Sachsen
Bildrechte: colourbox.com

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 3.028 Besucher des Münchner Oktoberfests untersucht. Dazu waren sie 2015 in Bierzelten unterwegs und baten Besucher anonym an einer EKG-Untersuchungs mithilfe eines Smartphones und einem Atemalkoholtest teilzunehmen. Das Ergebnis: Je mehr man trinkt, desto mehr Herzrhythmusstörungen bekommt man. Fast ein Drittel der Bierzeltbesucher hatte den Münchner Ärzten zufolge akute Rhythmusstörungen, ein Viertel Herzrasen. Sie verglichen die Daten einer Langzeitstudie in der allgemeinen Bevölkerung: Die Häufigkeit von Herzrhythmusstörungen lag hier bei bis zu vier Prozent.

Die Bierzeltbesucher hatten im Durchschnitt 0,84 Promille Alkohol im Blut - in Einzelfällen lagen die Werte sogar knapp unter drei Promille. "Drei Promille Alkohol im Blut entspricht einer sehr großen Menge an konsumiertem Alkohol und erreicht dabei die Grenze zur Alkoholvergiftung", sagte Stefan Brunner, der die Studie gemeinsam mit seinem Kollegen Moritz Sinner leitete. Die nötige Biermenge, die man trinken muss um diesen Wert zu erreichen, liege je nach Person bei sechs bis zehn Litern. Mit jedem zusätzlichen Promille stieg das Risiko bei den Oktoberfestbesuchern den Wissenschaftlern zufolge um 75 Prozent an. "In einigen Fällen gab es auch Vorhofflimmern", sagte Sinner. Das könne zu Schlaganfällen oder Herzschwäche führen.

Laut Sinner ist das Oktoberfest für die Studie besonders geeignet gewesen. Denn es gebe sonst kaum einen so massiven Alkoholkonsum über lange Zeit: Die Festbesucher trinken an den 16 Oktoberfesttagen rund sieben Millionen Maß Bier.

Fast zehn Liter reiner Alkohol

Alkohol ist in Deutschland noch immer eine Alltagsdroge: Dem Jahrbuch Sucht 2016 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge trank jeder Deutsche im Jahr 2014 durchschnittlich 9,6 Liter reinen Alkohol. Im Jahr davor lag der Wert bei 9,7 Litern. Der Pro-Kopf-Konsum in Deutschland ist also anhaltend hoch geblieben. Lieblingsgetränk der Deutschen blieb dabei das Bier - es macht immerhin 5,1 Liter des gesamten konsumierten Reinalkohols aus. Der Gesamtverbrauch von alkoholischen Getränken sank 2014 um 0,2 Prozent auf 136,9 Liter pro Kopf der Bevölkerung. Rund 74.000 Menschen sind in nur diesem einen Jahr an den Folgen ihres Alkoholkonsums gestorben.

Die "Aktionswoche Alkohol" soll in der Woche vom 13. - 21. Mai unter dem Motto "Alkohol? Weniger ist besser" auf die fatalen Folgen übermäßigen Alkoholkonums aufmerksam machen.

Ein Mann öffnet eine Flasche Wein
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Zahlen und Fakten 96,4 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken Alkohol.

1,61 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trinken missbräuchlich Alkohol.

1,77 Millionen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sind alkoholabhängig.

40 Milliarden Euro betragen die direkten und indirekten Kosten alkoholbedingter Krankheiten werden pro Jahr.

3,17 Milliarden Euro betrugen im Jahr 2014 die staatlichen Einnahmen aus Bier-, Schaumwein- und Spirituosensteuer.

Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

Über dieses Thema berichtet MDR SPUTNIK: im SPUTNIK Tagesuopdate | 13.05.2017 | 18:00-19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2017, 06:00 Uhr