Ein Mann hält eine Dose mit Hanfblüten.
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Aktionstag gegen Schmerz Wundermedikament Cannabis?

Schmerzen möchte niemand haben. Zum Glück gibt es jede Menge Möglichkeiten, Mittel und Medikamente, Schmerzen zu lindern und zu vermeiden. Aber nicht immer gelingt das wirklich. Deshalb testen Ärzte seit März auch das viel diskutierte Cannabis als offizielles Medikament und erkunden Wirkung und Einsatzmöglichkeiten.

von Karsten Möbius

Ein Mann hält eine Dose mit Hanfblüten.
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Lilit Flöther ist Schmerz- und Drogenspezialistin am Halleschen Universitätsklinikum in Kröllwitz. Als Anfang März klar wurde, dass Cannabis als Medikament anerkannt wird, begann sie sich Ihre Gedanken zu machen.

Als das Gesetz in Kraft trat, habe ich mir die Frage gestellt: Bei welchen Patienten aus deiner Ambulanz würdest du sofort morgen das Cannabis verordnen?

Dr. Lilit Flöther, Schmerz- und Suchtspezialistin, Uniklinikum Halle

Einer, der ihr sofort einfiel, war ein 76 Jahre alter Patient, der seit 14 Jahren im Rollstuhl sitzt. Heftige Krämpfe in Armen und Beinen verursachten bei ihm ständig Schmerzen. Alle möglichen Therapien -  inklusive hochdosierter opiumhaltiger Medikamente - halfen nur bedingt.

Dr. Lilit Flöther, Schmerz- und Suchtspezialistin am Uniklinikum in Halle
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Und trotz dieser medizinischen Maßnahmen immer noch hohe Schmerzstärke, der Alltag ist stark beeinträchtigt und immer auch diese Bedarfsmedikation bei Schmerzspitzen mit hochwirksamen Opioiden und trotzdem ist das keine zufriedenstellende oder effektive Schmerztherapie.

Dr. Lilit Flöther

Dieser Patient, für den die gesamte Palette der Standardtherapie ausgeschöpft war, ist für Lilit Flöther der klassische Fall, der für eine Cannabis-Behandlung in Frage kommt. Einige Tage nachdem die Therapie mit Cannabis begonnen hat, bekam Dr. Flöther eine E-Mail von dem Patienten - hier ein kurzer Auszug.

Sehr geehrte Frau Oberärztin, nun möchte ich Ihnen einen ersten Erfahrungsbericht geben. Außer einer geringen zugenommenen Müdigkeit verspüre ich eine innere Ruhe und kann nachts wieder gut durchschlafen. Zusammen mit früh und abends 30 Gramm Targin habe ich die Schmerzen gut im Griff. Hoffentlich bleibt es so.

Auszug aus der E-Mail eines mit Cannabis behandelten Schmerzpatienten

Flöther unterstreicht, dass Cannabis immer in Verbindung mit weiteren Standardtherapien angewendet wird. In diesem Fall wirkt Cannabis so, dass andere hochdosierte Medikamente, die sonst bei Schmerzschüben eingesetzt wurden, nicht mehr nötig sind. Der Patient fühlt sich insgesamt wohler und entspannter. Er ist einer von bisher zehn in Lillit Flöthers Ambulanz, die damit behandelt werden. Jeder Patient nimmt an einer bundesweiten Studie teil, denn die Ärzte wissen nur sehr wenig über Cannabis:

Das ist für uns alles ein neues Feld. Das ist auch für uns eine Möglichkeit als Schmerzexperten. Das ist eine Möglichkeit, um einfach zu gucken, welchen Stellenwert Cannabis in der Schmerztherapie bekommen kann.

Dr. Lilit Flöther

Cannabis auf  Rezept Wenn andere Therapien nicht mehr helfen, können Patienten bei schwerwiegenden Erkrankungen, chronischen Schmerzen und als Palliativ-Behandlung im Einzelfall Cannabis auf Rezept bekommen. In diesen Fällen müssen die Krankenkassen die Kosten für Cannabispräparate oder für getrocknete Cannabisblüten übernehmen. Das hatte der Bundestag im März 2017 beschlossen. Etwa 1.000 Patienten bundesweit durften auch vorher schon legal Cannabis nehmen. Sie hatten eine Sondergenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Ob mit dem neuen Gesetz die Zahl der Cannabis-Patienten steigen wird, ist unklar. Das Bundesgesundheitsministerium hat noch keine Informationen, wie vielen Menschen Cannabis bereits verordnet wurde.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 06.06.2017 | 12:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2017, 14:06 Uhr