Besucher sitzen auf einer Spielemesse vor Computermonitoren
Bildrechte: IMAGO

Online-Games Sind Computerspiele schlecht für das Gehirn?

Schlechte Nachrichten für Online-Gamer: Wissenschaftler der Uni Ulm haben herausgefunden, dass Computerspiele sich negativ auf die Hirnstruktur auswirken. Das Ergebnis gibt Computerspiel-Kritikern Recht, steht aber im Gegensatz zu einer anderen Studie, die Mediziner in Hannover durchgeführt haben. Schon lange diskutiert die Wissenschaft darüber, welche Wirkungen Computerspiele haben. Für den Deutschen Kulturrat sind sie Kunst.

Besucher sitzen auf einer Spielemesse vor Computermonitoren
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Für die einen sind Computerspiele das Grundübel moderner Gesellschaften, für die anderen Spaß, Spannung, Freizeitbeschäftigung und dabei nützliches Gehirntraining. Der Streit um die Einflüsse von Computerspielen wird mittlerweile seit Jahrzehnten geführt. Eine aktuelle Studie der Uni Ulm scheint den Kritikern jetzt Recht zu geben. Sie fand heraus: Wer täglich eine Stunde mit Online-Computerspielen verbringt, verliert an Hirnvolumen - und das nach nur sechs Wochen. Das Studie zeigt außerdem, dass sich das Spielen negativ auf den Umgang mit Emotionen und auf die Entscheidungsfindung auswirken kann.

Prof. Christian Montag
Bildrechte: Elvira Eberhardt/Uni Ulm

Die beobachtete Reduktion könnte mit einer schlechteren Emotionsregulation und Entscheidungsfindung einhergehen. Besorgniserregend ist, dass sich die hirnstrukturellen Veränderungen bereits nach sechs Wochen nachweisen ließen.

Christian Montag | Uni Ulm

Die grauen Zellen werden weniger

Volumen-Vergleich der grauen Masse im orbitofrontalen Kortex zwischen WoW-Spielern und Computerspiel-Neulingen.
Kartogramme des Volumen-Vergleichs der grauen Masse im orbitofrontalen Kortex zwischen WoW-Spielern und Neulinge Bildrechte: Universität Ulm

Schuld daran ist laut der Studie die Abnahme der grauen Substanz im orbitofrontalen Kortex, einem Bereich im Gehirn, der direkt über der Augenhöhe vorne im Schädel sitzt. Weil er die menschlichen Emotionen regelt, gilt er als Sitz ethischer und moralischer Empfindung. Bei einer Schädigung dieses Bereiches fehlt den Betroffenen der moralische Kompass, weshalb sie Probleme haben, Entscheidungen zu treffen. Auch die Fähigkeit, das eigene Verhalten einzuschätzen, kann beeinträchtigt werden.

Die Wissenschaftler ließen Versuchspersonen das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" spielen. Zu Beginn und am Ende der Gaming-Periode wurden die Teilnehmer dann mit einem Magnetresonanztomografie-Scan untersucht. Der Grund für die Veränderung der Struktur ist die Fähigkeit des Gehirns, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Beim Lernen von Musikinstrumenten ändern sich beispielsweise Hirnareale, die für die Motorik der Hände zuständig sind. Und bei Online-Games, so die Forscher, werden offenbar graue Zellen weniger. Die Wissenschaftler sprechen von neuroplastischen Prozessen.

Ursache oder Folge von Computerspielsucht?

Bei der Untersuchung wurden die Teilnehmer in unterschiedliche Gruppen eingeteilt: Gaming-Profis und Gaming-Neulinge. Die MRT-Scans von Computerspielneuligen wurden gleich zu Beginn verglichen mit den Ergebnissen der Langzeit-Spieler. Erfahrene Gamer hatten von Anfang an ein geringeres Volumen im betreffenden Hirnbereich. Außerdem zeigten sie höhere Sucht-Tendenzen. Unklar ist jetzt, ob das reduzierte Hirnvolumen eine Folge oder möglicherweise eine Voraussetzung für die Computerspiel-Sucht ist. Für die Studie wurde das Online-Rollenspiel "World of Warcraft“ genutzt, weil es eines der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Online-Spiele ist. Außerdem wird es von Kritikern besonders oft mit Computerspielsucht in Verbindung gebracht.

Positive Effekte des Gamings

Eine Untersuchung der Medizinischen Hochschule Hannover, die im März dieses Jahres erschienen ist, kam zu ganz anderen Ergebnissen: Zwischen Gamern und Nicht-Gamern konnte kein Unterschied festgestellt werden. Den Probanden wurden Bilder gezeigt, die Mitgefühl herausfordern. Sie wurden gebeten einen Fragebogen auszufüllen und gefragt, wie sie sich dabei fühlen. Auch hier wurde ein Hirnscan angefertigt. Die Ergebnisse der Spieler unterschieden sich nicht von Nichtspielern. Gamer sind demnach genau so empathisch wie andere Menschen. Und Gewalt in Spielen, das hatte der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates Olaf Zimmermann im August dieses Jahres festgestellt, sei "ein wichtiges Handlungsmotiv", vergleichbar mit der Gewalt "in Romanen, Filmen und der Bildenden Kunst". Computerspiele, so Zimmermann, seien deshalb Kulturgut.

Manche Perlen unter den Computerspielen sind sogar Kunstwerke.

Olaf Zimmermann, Deutscher Kulturrat

Erst im September zeigten Wissenschaftler die positiven Effekte des Gamings. Wer regelmäßig spielt, sei besser darin, Situationen schnell zu erfassen, neues Wissen zu generieren und das Erlernte in Kategorien einzuteilen. Der Grund dafür sei eine gesteigerte Aktivität im Hippocampus, ein Bereich, der für das Lernen wichtig ist und durch Computerspiele möglicherweise trainiert werde. Bestimmte Spiele könnten deshalb im Kampf gegen Demenz eingesetzt werden. Mit den neuesten Ergebnissen scheint der Wissenschaftsstreit um den Einfluss von Computerspielen in das nächste Level zu gehen.

Über dieses Thema berichtet MDR SPUTNIK: Sputniker bei der Arbeit | 15.11.2017 | 12:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2017, 09:40 Uhr