Jemand liegt auf der Couch vor dem Kamin mit hochgelegten Füßen und einem Heißgetränk in den Händen.
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Entschleunigung Nichtstun ist gut für das Gehirn

Zeit ist der knappste Rohstoff den wir haben. Und das erleben Psychiater und Psychotherapeuten jeden Tag an ihren gestressten Patienten. Sie fordern eine bessere Erforschung der modernen Lebensumstände als Risikofaktor. Denn die Befindlichkeitsstörungen - wie sie es nennen - nehmen zu. Und auch wir selbst können etwas dagegen tun.

Jemand liegt auf der Couch vor dem Kamin mit hochgelegten Füßen und einem Heißgetränk in den Händen.
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Macht uns unsere optimierte Gesellschaft mit all ihren Stressfaktoren krank? Iris Hauth, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die gerade in Berlin ihre Jahrestagung abhält, sagt ganz eindeutig: Ja. Sie kann das nicht mit Zahlen belegen, aber ihre Erfahrungen als Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin-Weissensee bestätigen es jeden Tag.

Was zunimmt, sind Befindlichkeitsstörungen unter der Schwelle einer echten psychiatrischen Diagnose.

Iris Hauth, Präsidentin der DGPPN

Die "echten“ psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen haben laut Hauth in den vergangenen rund 15 Jahren nicht zugenommen. "Was zunimmt, sind Befindlichkeitsstörungen unter der Schwelle einer echten psychiatrischen Diagnose.“ Als Chefärztin erlebe sie, dass zum Beispiel zunehmend junge Menschen mit Prüfungs- oder Partnerschaftsstress in der Notaufnahme Hilfe suchen.

"Zeit ist der knappste Rohstoff des 21. Jahrhunderts“, sagt Professor Hartmut Rosa von der Uni Jena. Bei allen Erleichterungen, die der technische Fortschritt gebracht hat, hat er uns auch die Muße genommen, also den Zeitraum, wo wir das Gefühl haben, "alles was ich jetzt tun kann oder tun muss, ist getan“, so Rosa. Das deckt sich mit den Erfahrungen von Iris Hauth. Sie fordert deshalb zum einen eine bessere Erforschung der Risikofaktoren, die unsere moderne Leistungsgesellschaft mit sich bringt.

Auch einmal nichts zu tun, ist für die Gesundheit des Gehirns unglaublich hilfreich.

Iris Hauth, Präsidentin der DGPPN

Und sie weiß, dass jeder selbst etwas tun kann. Auch sie nutzt dazu den Begriff der "Muße“. "Auch einmal nichts zu tun, ist für die Gesundheit des Gehirns unglaublich hilfreich.“ Man müsse nicht alles machen, was der Markt biete. Ihre Patienten bringt sie dazu, sich die gelungenen Dinge des Tages vor Augen zu führen statt der Defizite. Und sie appelliert, soziale Kontakte im echten Leben zu pflegen: Einzelgänger, die sich isoliert fühlen, trügen ein besonders hohes Risiko für psychische Erkrankungen und seien angreifbarer als Menschen in gesunden Beziehungen.

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 11:25 Uhr