Eine Frau testet vorm Spiegel ihre Hautdicke
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Genforschung Magersucht kann angeboren sein

Magersucht gilt nach wie vor unter Experten als die tödlichste psychische Krankheit. Bis zu 20 Prozent der Betroffenen sterben daran, so die Schätzungen. Bisher wird Magersucht psychotherapeutisch behandelt. Medikamente helfen nicht, nach aktuellem Kenntnisstand. Für eine medikamentöse Behandlung aber könnte die Entdeckung einer internationalen Forschergruppe nun die Grundlagen geschaffen haben: Das Team hat die Veranlagung für Magersucht in den Genen gefunden.

von Karolin Dörner

Eine Frau testet vorm Spiegel ihre Hautdicke
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Das Ergebnis der internationalen Studie ist bahnbrechend, wirft aber gleichzeitig viele Fragen auf: Denn das internationale Forscherteam fand nicht das eine Gen, das eine Magersucht hervorrufen kann, sondern mehrere. Professorin Anke Hinney von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen war an der Studie beteiligt. Sie erklärt, warum das problematisch ist.

Prof. Anke Hinney von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen
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Dann stellt sich raus, und das ist diesmal einmalig gelungen, dass wir einen Chromosomen-Bereich gefunden haben, in dem allerdings mehrere Gene liegen, die für diese Krankheit relevant sind. Und das heißt wir haben ein Gen, aber wir wissen noch nicht welches dieser sechs oder zwölf Gene der Region es tatsächlich ist.

Prof. Anke Hinney, Medizinische Fakultät, Universität Duisburg-Essen

Zudem ist unklar, ob die Veranlagung zur Magersucht auf nur einem Gen liegt oder die Gengruppe zusammen wirkt, so Hinney. “Das ist eben noch sehr in den Anfängen. Wenn man so will Grundlagenforschung.“ Aber schon die Gengruppe gibt Hinweise darauf, womit Magersucht im Körper zusammenhängen könnte. Dafür verglichen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse mit anderen Studien, die diesen Genen bereits Merkmale zugeordnet hatten, jenseits der Magersuchtstörung.

Und da stellten sich Übereinstimmungen heraus, die man so nicht erwartet hatte, nämlich, dass es hier Überlappungen gibt mit Insulin-Stoffwechsel, mit Lipidstoffwechsel, also physiologische Parameter, die man erstmal nicht mit dieser Störung in Verbindung brachte. Da hat man gedacht, das sind Störungen, die nur im Gehirn stattfinden, aber das erste Mal hier vielleicht auch physiologische Faktoren.

Prof. Anke Hinney, Medizinische Fakultät, Universität Duisburg-Essen

Ob sich Veränderungen der Stoffwechsel aber tatsächlich auf eine mögliche Magersucht auswirken, bleibt erstmal nur zu vermuten. In diese Richtung soll nun weiter geforscht werden. Sollte sich nämlich ein Zusammenhang herausstellen, zwischen körperlichen Aspekten und der psychischen Krankheit, würde das einen großen Schritt in der Magersuchttherapie bedeuten, versichert Claudia Bahn, Chefärztin der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara in Halle. Die Idee: Der physiologische Bereich kann dann erstmals durch Medikamente behandelt werden. Denn aktuell hilft nur Psychotherapie gegen die Essstörung.

Dr. med. Claudia Bahn, Chefärztin der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara in Halle
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Und das ist auch der Punkt, der die Behandlung oft erschwert, weil häufig Patientinnen mit sehr niedrigem Gewicht in die Behandlung kommen und die Prognose dadurch auch nicht gut ist. Je geringer das Gewicht, desto schwieriger ist auch die psychotherapeutische Erreichbarkeit.

Dr. Claudia Bahn, Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle

Denn ist der Körper mangelversorgt, können sich Patienten schwer konzentrieren und sind wenig belastungsfähig. Medikamente könnten dann helfen die Betroffenen zu stabilisieren und sie wappnen für die Psychotherapie.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 31.05.2017 | 16:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2017, 14:57 Uhr