Ein Mann und eine Frau im Bett
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Neue Verhütungsmethode Naturstoff legt die Spermien lahm

Üble Stimmungsschwankungen, Depressionen und im schlimmsten Fall sogar eine Thrombose: Wer hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille nimmt, hat mitunter mit heftigen Nebenwirkungen zu kämpfen. Doch das könnte bald ein Ende haben: Dank Heilpflanzen aus der traditionellen Naturmedizin. In denen haben Forscherinnen der University of California in Berkeley Stoffe gefunden, die den Spermien den letzten Kick rauben – und so womöglich herkömmliche Verhütungsmittel überflüssig machen können.

von Kristin Kielon

Ein Mann und eine Frau im Bett
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Es war das Wissen über Heilpflanzen von indigenen Völkern, das den Forscherinnen den Durchbruch brachte. Denn in Pflanzen, die dort traditionell der Verhütung dienen, steckten tatsächlich zwei Stoffe, die die Einnahme von Hormonen überflüssig machen könnten. Lupeol und Pristimerin. Als Verhütungsmittel könnten sie etwa über ein Pflaster auf der Haut in den Körper gelangen – und im Notfall sogar noch nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden. Bis die Spermien in der Gebärmutter reifen, vergehen nämlich noch bis zu sechs Stunden – genug Zeit, um sie noch zu blockieren, erklärt die Professorin für Molekulare Zellbiologie Polina Lishko in einer Veröffentlichung der Berkeley-Universität.

Weil diese zwei pflanzlichen Verbindungen schon in sehr niedriger Konzentration die Befruchtung blockieren (…), könnten sie eine neue Form von Notfallverhütungsmittel sein, die wir 'molekulares Kondom‘ genannt haben. Wenn man eine ungiftige, pflanzliche und hormonfreie Verbindung in geringerer Konzentration als bei der ‚Pille danach‘ benutzen kann, um die Befruchtung zu verhindern, könnte das die bessere Option sein.

Prof. Polina Lishko, UoC Berkeley
Eizelle mit Spermium
Wird der neue Wirkstoff eingesetzt, schafft es das Spermium nicht mehr durch die Eizellenwand. Bildrechte: Colourbox.de

Die beiden Substanzen kommen ganz natürlich vor: Lupeol steckt beispielsweise in Mango, Löwenzahnwurzeln oder Birkenrinde. Pristimerin ist unter anderem in einer Rankpflanze mit dem Namen Wilfords Dreiflügelfrucht zu finden. Alle beide blockieren die Wirkung des Hormons Progesteron. Das sorgt eigentlich dafür, dass Spermien die Eizelle finden. Normalerweise schwimmen die nämlich ziellos durchs Ejakulat.
Ist eine Eizelle bereit zur Befruchtung öffnet das Hormon einen Kalziumkanal, führt die Erstautorin der Studie, Nadja Mannowetz, in der Berkeley-Veröffentlichung aus.

Der massive Zustrom von Kalzium in den Schwanz der Spermien sorgt dafür, dass sich das Muster der Schwanzschläge ändert und sehr asymmetrisch wird. Diese asymmetrische Bewegung verleiht den Spermien genug Kraft, um sich durch die feste Wand der Eizelle zu bohren.

Dr. Nadja Mannowetz, UoC Berkeley

Das ist der sogenannte power kick – ohne ihn geht die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung gegen Null. Die pflanzlichen Substanzen machen die Spermien unfähig für diesen letzten Kraftakt. Daneben scheinen sie keine weitere Wirkung auf den Körper zu haben, schreiben die Forscherinnen. Lupeol und Pristimerin sorgen ausschließlich dafür, dass die Spermien sich nicht schnell und kräftig genug bewegen können, um in die Eizelle einzudringen.

Die Stoffe haben nicht nur den Kalziumkanal blockiert, sondern auch die Hyperaktivität der Spermien. Sie reduzierten ihre Aktivität auf das Level der inaktiven Spermien. (…) Das ist nicht giftig für die Spermien, sie können sich immer noch bewegen, aber sie können nicht mehr diesen starken Stoß durchführen, denn dieser ganze Aktivierungsstrang wird lahmgelegt.

Prof. Polina Lishko, UoC Berkeley

Und noch etwas ist praktisch: Es ist egal, ob die Frau oder der Mann die Substanzen einnimmt – sie wirken in beiden Fällen. Ein Problem gibt es aber. Wegen der geringen Konzentration der Stoffe in Wildpflanzen, ist es bisher noch sehr aufwändig und teuer, die Substanzen zu gewinnen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 22.05.2017 | 17:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2017, 17:06 Uhr