Frauenhand hält Injektion neben Tropf
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Tatort Krankenhaus Sterben wirklich bis zu 21.000 Patienten jährlich durch Klinikpersonal?

In deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen sollen jährlich bis zu 21.000 Patienten durch die Hände von Pflegern und Ärzten sterben. Das geht aus einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Herdecke hervor. Die Zahlen sind erschreckend – wenn sie denn stimmen! Denn an den Untersuchungsmethoden wird Kritik laut.

von Katja Schmidt

Frauenhand hält Injektion neben Tropf
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Pfleger Niels H. wurde 2015 zu einer lebenslangen Haft verurteilt – er soll mindestens 36 seiner Patienten getötet haben. Längst kein Einzelfall, glaubt man einer Untersuchung der Universität Herdecke im Ruhrgebiet. Der Psychotherapeut Karl H. Beine und sein Team haben 5.000 Ärzte, Kranken- und Altenpfleger gefragt, ob sie in den vergangenen zwölf Monaten aktiv lebensbeendende Maßnahmen an Patienten vorgenommen hätten. Drei Prozent der Ärzte und Fünf Prozent der Altenpfleger bejahten diese Frage, ebenso wie 1,5 Prozent der Krankenpfleger. Hochgerechnet auf alle Ärzte und Pflegekräfte ergibt das rund 21.000 Fälle in einem Jahr. Eine Zahl, die Elke Simon von der Deutschen Stiftung Patientenschutz für unrealistisch hält. "Ein Blick in die polizeiliche Statistik zeigt, dass Fälle von Mord und Totschlag im Bereich von 600 liegen."

Sicherlich gibt es eine hohe Dunkelziffer, aber ob sie in dem Bereich 21.000 Fällen liegt, ist doch mehr als fragwürdig.

Elke Simon, Deutsche Stiftung Patientenschutz

Immerhin wären 21.000 Fälle 35 mal so viele wie polizeilich erfasst. Auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Karl-Josef Laumann hält das für Unsinn. Er warnte davor, abertausende Ärzte und Pfleger ohne eigenes Verschulden an den Pranger zu stellen.

Das Forscherteam selbst räumte ein, dass die zugrunde liegende Umfrage fehlerhaft sein könnte. Im Gespräch  mit der "Welt am Sonntag“ sagte Karl H. Beine, dass Umfrageteilnehmer die Frage falsch verstanden haben könnten und zum Beispiel das Abschalten von Maschinen aufgrund von Patientenverfügungen mit angegeben hätten. Außerdem sei die Umfrage nicht repräsentativ. Trotz dieser Fehlerquelle, veröffentlicht Beine seine Studienergebnisse Ende der Woche in einem Buch, dass den provokanten Titel "Tatort Krankenhaus“ trägt. Dazu sagt Elke Simon: "Das suggeriert den Eindruck, als ob es sich um einen Tatort handelt, bei dem man überhaupt nicht mehr sicher wäre, als ob der Tod hinter jeder Patiententür lauern würde."

Für uns klingt dieser Titel ziemlich reißerisch.

Elke Simon, Deutsche Stiftung Patientenschutz

Eigentlich schätzt Elke Simon die Arbeit von Karl H. Beine:. "Er hat schon viele Bücher veröffentlicht und hat immer sehr seriös gearbeitet. Es gibt tolle Untersuchungen von ihm, diese Vorgehensweise jetzt ist untypisch für ihn."

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio |27.03.2017 | 17:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2017, 07:31 Uhr