Ein junger Mann sitzt in einem Bett während neben ihm eine Frau schläft
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Gesellschaftlich tabu: Wenn Männer ungewollt Sex haben

Die #Metoo-Debatte köchelt noch, ungewollte Sex-Erfahrungen von Frauen erhitzen die Gemüter. Von Männern, die ungewollt Sex haben, ist öffentlich nie die Rede. Dabei gibt es sie, nur verschweigen sie ihre Erlebnisse. Eine US-Wissenschaftlerin hatte für eine Forschungsarbeit junge Männer zu ihren Erfahrungen mit ungewolltem Sex befragt. Der deutsche Sexualberater Jakob Pastötter bestätigt im Gespräch mit MDR Wissen das Phänomen, über das tunlichst geschwiegen wird.

Ein junger Mann sitzt in einem Bett während neben ihm eine Frau schläft
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Wenn es um Sex geht, haben Frauen die Wahl zwischen "ja" oder "nein", für Männer gibt es nur "ja": Zu diesem Schluss kommt die US-Studienautorin Jessie Ford an der Universität New York. Sie hatte in einer Untersuchung Studenten am College zu einvernehmlichem Sex befragt und dabei festgestellt, dass auch Männer ungewollt Sex haben.

"Keiner will als der Freak gelten, der Sex mit einer Frau auslässt"

In den bis zu zweistündigen Befragungen kristallisierten sich zwei Verhaltensmuster heraus, die zu nichteinvernehmlichen Sex führten: Zum einen versuchten die jungen Männer den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, nach dem Motto: Männer müssen Sex wollen, wenn er sich anbietet. Wer nein sage, riskiere seinen guten, "maskulinen" Ruf, oder wie ein Studienteilnehmer erklärte: "Kein Mann will als der seltsame Freak gelten, der Sex mit einer Frau auslässt." Zum anderen verhalten sich Ford zufolge "viele Männer in Sachen Sex wie bei einem Smalltalk auf einer Dinnerparty - damit der Gesprächsball weiterrollt, versuchen sie die Erwartungen ihres Gegenübers zu erfüllen und unangenehme Situationen zu vermeiden." 

Auch in Deutschland ein Tabu

Lächelnder Mann mit Brille
Jakob Pastötter Bildrechte: dpa

Auch in Deutschland ist das kein unbekanntes Phänomen, sagt Jakob Pastötter. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, kurz DGSS. Im Gespräch mit MDR Wissen sagte er, in den ihm bekannten Fällen handele es sich jedoch meist um sehr junge Männer, die mit viel älteren Frauen Sex hatten. "Jede erwachsene Frau kriegt einen 18-Jährigen mit Leichtigkeit herum".
Solche Männer geraten später oft in einen Zwiespalt zwischen der Vorstellung "Mann muss die Gelegenheit nutzen, wenn sie sich bietet" und dem eigenen Unwohlsein mit dem Erlebten, obwohl sie ja ihren Mann gestanden haben. Dass es dazu bislang weder Daten noch Studien in Deutschland gibt, liegt Pastötter zufolge an dem Tabu, dass das Thema umgibt.

Kombinationen mit Ungleichgewicht von kurzer Dauer

Egal, ob es sich um junge Studentinnen oder erwachsene Frauen handelt, die junge Männer herumkriegen oder um ältere Männer mit jungen Frauen: Kombinationen mit einem starken, machtorientierten Partner, der körperliche Ergänzung in schwächeren, nachgiebigeren Gegenübern suche, stehen Sexualberater Pastötter zufolge nicht unter einem guten Stern: "Das funktioniert nicht sehr lange, vor allem, wenn so etwas überraschend passiert. Das ist echtes Powerplay, allerdings einseitig, ohne dass der Funke überspringt. In einem solchen Fall fließt keine positive Energie zwischen den Partnern, sondern eine, bei der nur einer auflädt und der andere ausgesaugt wird. Und wer hält seinen Hals schon ständig dem Vampir hin?" Im Idealfall, sagt Pastötter, lädt Sex beide Partner auf wie eine Batterie.

Männern und Frauen, die sich in ihren sexuellen Beziehungen unwohl fühlten, rät er: "Sex ist kein Luxus in einer Beziehung, sondern der Motor. Wir sollten viel mehr auf unsere Genitalien hören. Sie sind der Seismograph dafür, ob uns eine Beziehung (noch) gut tut oder wir etwas verändern müssen für ein Kräftegleichgewicht. "

Paar beim Sex
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Dieses Thema im Programm: MDR SPUTNIK | Tagesupdate | 06. Dezember 2017 | 18:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2017, 10:11 Uhr