Computerbild eines menschlichen Gehirns mit der Amygdala
Die Lage der Amygdala im menschlichen Gehirn Bildrechte: IMAGO

Zwangsstörungen Fehlendes Protein schuld am Waschzwang

Ständiges Händewaschen, aber das Gefühl von Sauberkeit stellt sich nicht ein. Vier mal nachgeschaut, aber trotzdem nicht sicher, ob der Herd aus ist. Bloß nicht auf die Linien zwischen den Gehwegplatten treten, sonst schmerzt es. Etwa drei Prozent der Bevölkerung leiden mindestens einmal im Leben an einer Zwangsstörung. Was genau die Auslöser sind, ist noch immer nicht ganz klar. Doch Forscher der Universität Würzburg konnten jüngst eine Ursache identifizieren: Ein Protein im Gehirn ist Schuld.

Computerbild eines menschlichen Gehirns mit der Amygdala
Die Lage der Amygdala im menschlichen Gehirn Bildrechte: IMAGO

Zwangsstörungen sind rational kaum zu verstehen: Wer an einem Waschzwang leidet, hat so große Angst vor Schmutz und Krankheitserregern, dass er sich ständig die Hände oder den Körper waschen muss. Schon kurz danach kommt die Angst schnell zurück, der Betroffene steckt in einem regelrechten Teufelskreis. Selbst, wenn die Haut durch das ständige Waschen schon Irritationen zeigt oder sogar Wunden entstanden sind, kann er nicht aufhören. Das Gehirn versagt darin, die Zwangshandlung zu steuern. Anhaltende, zwanghafte Gedanken, die zu ritualisierten Handlungen führen, sind charakteristisch für die Krankheit.

eine schmutzige Hand
Dreckige Hände sind der Horror für Menschen mit Reinigungszwang. Bildrechte: IMAGO

Bisher werden solche Zwangsstörungen von der Medizin wie andere psychiatrische Krankheiten behandelt - wie etwa Depressionen oder Essstörungen. Und sie werden genauso therapiert: Antidepressiva sollen den Betroffenen dabei helfen, den Zwang zu besiegen. Doch ob das tatsächlich hilft, ist fraglich, denn der sogenannte Wirkmechanismus von Antidepressiva ist unspezifisch. Das heißt, dass sie nicht auf die speziellen Ursachen der jeweiligen psychischen Erkrankung zugeschnitten sind. Was genau allerdings die Zwangshandlungen auslöst, war bisher nicht ausreichend erforscht. Forscher der Universität Würzburg haben wohl einen Schuldigen gefunden: Ein Protein ist Schuld am Zwang, schreiben sie im Fachmagazin "Molecular Psychiatry" - oder besser gesagt: zu wenig vom Protein SPRED2 in einer bestimmten Gehirnregion.

Fehlfunktion im Gehirn sorgt für Zwangshandlungen

Professor Kai Schuh und sein Team vom Physiologischen Institut der Universität Würzburg haben in Zusammenarbeit mit der Psychiatrie und der Neurologie die Grundlagen von Zwangserkrankungen erforscht, um die Ursache zu finden. Und sie konnten tatsächlich erstmals einen Auslöser nachweisen.

Wir haben jetzt an einem Mausmodell nachgewiesen, dass allein ein Fehlen des Proteins SPRED2 ein übersteigertes Sauberkeitsverhalten auslösen kann.

Prof. Kai Schuh, Universität Würzburg
Hände waschen
Menschen, die an einem Waschzwang leiden, müssen sich ständig die Hände waschen, sonst fühlen sie sich schlecht. Bildrechte: IMAGO

Das Protein kommt in allen menschlichen Zellen vor, besonders konzentriert ist es jedoch in bestimmten Gehirnregionen: in den Basalganglien und der Amygdala. Dort hemmt es normalerweise einen wichtigen Signalweg der Zelle. Fehlt es jedoch, dann läuft dieser Signalweg mit höherer Aktivität ab und die sogenannte Signalkaskade wird übermäßig aktiv. Dies habe im Mausmodell wiederum ein übersteigertes Sauberkeitsverhalten ausgelöst. Mäuse pflegen ihr Fell mit Pfoten und Maul.

Wenn die Wissenschaftler diesen Signalweg bei den Mäusen im Tierversuch mit einem Hemmstoff beruhigt haben, führte das tatsächlich zu einer Milderung der Zwangshandlungen. Außerdem habe die Würzburger Forschungsgruppe die Zwangsstörung – in Analogie zur gängigen Therapie beim Menschen – mit einem Antidepressivum behandeln können.

Amygdala Die Amygdala - der Mandelkernkomplex - liegt im vorderen Teil des Temporallappens im Gehirn und ist Teil des limbischen Systems. Er spielt vor allem bei der Entstehung und Wiedererkennung von Angst sowie bei der körperlichen Reaktion darauf eine große Rolle.

Neue Ansatzpunkte für Therapien

Die Entdeckung der Würzburger Wissenschaftler sorgt für neue Ansatzpunkte für die Therapie von Zwangsstörungen. Denn es gibt bereits Medikamente, die die betroffene Signalkaskade im Gehirn hemmen können und teilweise sogar schon zur Behandlung zugelassen sind.

Unsere Studie liefert ein wertvolles neues Modell, mit dem sich die Krankheitsmechanismen untersuchen und neue Therapiemöglichkeiten bei Zwangserkrankungen erproben lassen.

Prof. Kai Schuh, Universität Würzburg

Denn ein Problem gibt es mit den vorhanden Medikamenten, erklärt die an der Studie beteiligte Biologin Melanie Ullrich: In erster Linie handle es sich nämlich um Krebsmedikamente, denn die überaktive Signalkaskade sei häufig auch ein Auslöser für Kreberkrankungen. "Da ist es nun fraglich, ob solche Medikamente auch gegen Zwangsstörungen wirken und ob sie hinsichtlich der Nebenwirkungen Vorteile bringen."

Über dieses Thema berichtet der MDR: im Fernsehen LexiTV | 12.05.2017 | 15:00 Uhr
im Radio MDR Kultur | 10.05.2017 | 13:10 Uhr

eine junge Frau hockt ängstlich in einer Zimmerecke und duckt sich vor dem bedrohlichen Schatten eines Mannes
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MDR FERNSEHEN Fr, 12.05.2017 15:00 16:00

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Zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2017, 05:00 Uhr