Friedhof Görlitz
In Sachsen müssen Särge 20 Jahre unter der Erde bleiben. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wenn Tote nicht vollständig verwesen Mehr Wachsleichen auf Friedhöfen?

Deutsche Friedhöfe haben ein Problem: Die Toten verwesen zu langsam. Auch nach Ablauf der vorgeschriebenen Ruhezeit bleiben noch Überreste. Manche Leichen sind regelrecht mumifiziert - die sogenannten Wachsleichen. Von denen gibt es immer mehr, sagt ein Experte in Bonn. Doch was können Friedhöfe tun, um Wachsleichen zu vermeiden?

Friedhof Görlitz
In Sachsen müssen Särge 20 Jahre unter der Erde bleiben. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wenn Friedhofsmitarbeiter Gräber ausheben, machen sie manchmal grausige Funde: Sie finden früher beerdigte Tote, die nur teilweise verwest sind. Denn einige Leichen auf den 32.000 traditionellen Friedhöfen in Deutschland zersetzen sich während der 15- bis 35-jährigen Ruhezeit nicht vollständig.

Der Bonner Biorechtsexperte Tade Spranger meint, dass es immer mehr solcher sogenannter Wachsleichen gibt: "Es gibt kaum noch einen Friedhof in Deutschland, der nicht zumindest mit Teilflächen davon betroffen ist."

Das Problem sind vor allem zu feuchte und lehmige Böden. Sie konservieren Leichen so, dass noch nach Jahren die Gesichtszüge zu erkennen sind.

Prof. Tade Spranger, Universität Bonn

Weitere mögliche Gründe für die wachsende Zahl von Wachsleichen könnten vom Verwesen ermüdete Erde, Kunstfaserkleidung und Antibiotika sowie undurchlässige moderne Särge sein, ergänzt der Bonner Juraprofessor. Mit den ethischen, theologischen und rechtlichen Fragen, die sich aus der Problematik ergeben, befassen sich Experten am 14. November auf einem Symposium an der Universität Bonn. Dass es einen Anstieg der Fälle tastsächlich gibt, bezweifelt dagegen Michael Albrecht vom Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands. "Es gibt dafür keine Statistiken", sagt der Sachverständige für Friedhofsbodenkunde.

Wie entsteht eine Wachsleiche?

Aber wie kann es überhaupt zu Wachsleichen kommen? Im Prinzip handelt es sich dabei um eine natürliche Mumifizierung. Der frühere Bestatter und Publizist Peter Wilhelm erklärt den Prozess in seinem Blog folgendermaßen:

Die Hautfette des Verstorbenen wandeln sich in Leichenlipide (Leichenwachs) um, die sich im Gewebe einlagern. Es entsteht eine weiße, krümelige, an Wachs erinnernde Substanz auf der Haut der Leiche, die die weitere Verwesung unter Umständen vollständig verhindert.

Peter Wilhelm, ehemaliger Bestatter

Tatsächlich kann das Phänomen bei entsprechenden Bodenverhältnissen überall vorkommen, erklärt der Leiter der Abteilung Friedhofsangelegenheiten in Frankfurt am Main, Thomas Bäder. Auf Friedhöfen in den Frankfurter Stadtteilen Rödelheim, Bergen und Enkheim sei deshalb die Ruhefrist von 20 auf 35 Jahre erhöht worden. Nach dieser Zeit sollten die Leichen dann tatsächlich vollständig verwest sein.

Auch andere Friedhöfe verlängerten deshalb auf problematischem Gelände die Ruhezeit: Auf dem Koblenzer Friedhof Ehrenbreitstein beispielsweise ist die Ruhezeit ebenfalls um fünf Jahre verlängert worden. Außerdem dürfen hier die Gräber nicht mehr komplett abgedeckt werden. In Leipzig teilte die städtische Friedhofsverwaltung dagegen auf Nachfrage mit, dass es in den vergangenen 40 Jahren keine Wachsleiche mehr gegeben habe. Die gesetzliche Ruhezeit in Sachsen beträgt 20 Jahre.

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Kunstfasermaterialien bereiten Friedhofsbetreibern Sorge

MDR AKTUELL Do 16.11.2017 08:53Uhr 02:39 min

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Tabuthema Wachsleiche

Fast allen Friedhöfen gemeinsam ist, dass sie über das Thema Wachsleichen nicht allzu gern sprechen - vielerorts ist das Phänomen ein regelrechtes Tabu. Der frühere Bestatter Wilhelm vermutet, dass das daran liegt, dass man in diesem ohnehin gefühlsbeladenen Bereich nicht auch noch die Hinterbliebenen schocken und mit solchen Botschaften konfrontieren wolle.

Der Frankfurter Kommunikationsberater Willi Brandt verweist auch auf die psychische Belastung von Friedhofsmitarbeitern. Kommunen sollten offen mit dem Problem umgehen. "Denn das schlimmste Szenario wäre für Angehörige, zufällig in sozialen Medien ein Handyfoto von der Oma als Wachsleiche zu sehen", ergänzt Brandt, der auch Sprecher von Deutschlands größtem privaten Krematorium in Dachsenhausen im Taunus ist.

Was tun gegen Wachsleichen?

Offenbar gehen die Friedhöfe mit der Problematik höchst unterschiedlich um. Brancheninsider berichten anonym auch von rabiaten Methoden: Manche Baggerfahrer würden vor dem Zuschaufeln eines frischen Grabes mit der Schaufel den Sarg zertrümmern, um Mikroorganismen für die Verwesung den Zugang zu erleichtern. Wenn nach Ablauf der Ruhefrist Wachsleichen gefunden würden, dann äscherten sie einige Friedhöfe pietätvoll ein, andere entsorgten diese einfach.

Besser sei es, Wachsleichen bei ausreichendem Platz auf anderen Friedhofsflächen mit mehr Luftzufuhr verwesen zu lassen, sagt dr Sachverständige Albrecht. Doch das dauere seine Zeit. Meist würden betroffene Gräber einfach sofort wieder zugeschüttet. Albrecht rät stattdessen zur Vorsorge: Für eine raschere Verwesung sollten Leichen "flacher" beigesetzt werden. Wegen der Seuchengefahr hieß es früher "Je tiefer desto besser", sagt er. Bis heute haben sich Beisetzungen in Tiefen von bis zu zwei Metern gehalten. Andere Friedhöfe setzen zwei Särge übereinander in den Boden ein.

Doch auch die Angehörigen können ihren Beitrag dazu leisten, dass es nicht zu einer Wachsleiche kommt. So sollte der aufgeschüttete Boden nach dem Begräbnis nicht festgetreten werden. Außerdem eigenen sich tiefwurzelnde Gewächse wie Sträucher oder Stauden, um dem Boden Wasser zu entziehen. Und natürlich sollte das Grab nicht viel gegossen werden, wenn der Boden ohnehin zu freucht ist.

Ein Problem mit Ablaufdatum

Die Problematik der Wachsleichen wird auf längere Sicht immer seltener werden, meint der Leiter der Abteilung Friedhofsangelegenheiten in Frankfurt, Bäder: "Weil die Tendenz zur Urne geht." Nach Branchenschätzungen werden bereits zwei Drittel der jährlich rund 925.000 Verstorbenen in Deutschland eingeäschert. 2011 sollen es noch 55 Prozent gewesen sein. Auch in den nächsten Jahren rechnet der Bundesverband Deutscher Bestatter mit einem Anstieg. In Leipzig sind Erdbestattungen auf den städtischen Friedhöfen bereits eine Seltenheit: Sie machen gerade einmal einen Anteil von sechs bis acht Prozent aus.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 16. November 2017 | 08:53 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2017, 12:50 Uhr