Schädelrekonstruktion 2
Der erste Homo sapiens: Die Computer-Rekonstruktion der in Jebel Irhoud gefundenen 300.000 Jahre alten Schädel. Bildrechte: Philipp Gunz, MPI EVA Leipzig

MPI Leipzig: Sensationsfund Wir sind viel älter als gedacht

Seit 200.000 Jahren lebt der Homo sapiens, der moderne Mensch, auf der Erde – dachten wir bisher. Forscher des Max-Planck-Institutes (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben mit neuen Funden nachgewiesen, dass Homo sapiens bereits vor 300.000 Jahren in Afrikas Steppen und Savannen jagte.

Schädelrekonstruktion 2
Der erste Homo sapiens: Die Computer-Rekonstruktion der in Jebel Irhoud gefundenen 300.000 Jahre alten Schädel. Bildrechte: Philipp Gunz, MPI EVA Leipzig

Wo war die Wiege der Menschheit? In Südafrika? Im heutigen Äthiopien? “Wir glauben, dass es die Wiege der Menschheit im engeren Sinne nicht gibt, sondern dass es der gesamte afrikanische Kontinent war.“ Das sagt Dr. Philipp Gunz, Paläoanthropologe am MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er war Teil eines Teams um Prof. Dr. Jean-Jacques Hublin, das anhand von neuen Fossilienfunden und Messmethoden den Beginn der modernen Menschheit um 100.000 Jahre zurückverlegt hat. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher jetzt im Magazin “Nature“.

Schädel wird freigelegt
Dr. Jean-Jacques Hublin bei den Ausgrabungen in Marokko Bildrechte: Shannon McPherron, MPI EVA Leipzig

Manche Forscherkollegen halten das für eine Sensation. Für Gunz war es eine “positive Überraschung“. Eine, auf die er gehofft hatte. Denn bei den bereits früher gefunden Knochen aus der Grabungsstätt in Jebel Irhoud, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, hatten Aussehen und Alter nicht zusammengepasst. Seit den 1960er-Jahren wird dort in einer Höhle gegraben, in der früher Baryt abgebaut wurde, ein Mineral, das vor allem in der Tiefbohrtechnik verwendet wird.

22 Knochen von 5 Menschen

Insgesamt sieben Fundschichten entdeckten die Archäologen dort. In der untersten, der siebten, fanden sich 22 Knochen von fünf Menschen, die offenbar auch dort gestorben sind. Sie wurden vielleicht Opfer einer Katastrophe, so Anthropologe Gunz. "Aber darüber lässt sich nur spekulieren.“ Worüber es heute hingegen Klarheit gibt, ist das Alter der Funde. Sowohl der früheren, als auch der neuen, die bei den jetzigen Grabungen der deutsch-marokkanischen Expedition gefunden wurden. Sie sind 300.000 Jahre alt. Und da sind sich die Forscher sicher.

Dr. Philipp Gunz
Bildrechte: Johannes Schiller

Unser Datierungsexperte Daniel Richter hat das tausend Mal überprüft. Mit zwei verschiedenen Methoden. Und die Ergebnisse passen zusammen.

Dr. Philipp Gunz, Paläoanthropologe am MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig

Vor allem die sogenannte Thermolumineszenzmethode gab den Wissenschaftlern Sicherheit. “In Jebel Irhoud hatten wir Glück, dass so viele Steinwerkzeuge erhitzt worden waren“, erklärt Hublins MPI-Kollege Daniel Richter, Erstautor einer ebenfalls in “Nature“ veröffentlichten Datierungsstudie.

Ein Mann arbeitet mit einer Bohrmaschine
Dr. Daniel Richter legt Sedimente für die Altersbestimmung frei. Bildrechte: Shannon McPherron, MPI EVA Leipzig

Deshalb konnten wir die Thermolumineszenzmethode anwenden, um die Fundschichten genau zu datieren.“ Dieses Verfahren bestimmt über den Zerfall natürlicher radioaktiver Elemente den Zeitraum seit dem Erhitzen.
Lange bevor der moderne Mensch Afrika vor etwa 100.000 Jahren verließ, hat er demnach bereits den ganzen Kontinent besiedelt. Doch die Untersuchung der Schädelfragmente auch mit moderner Computertomografie brachte noch andere Erkenntnisse.

Endlich hat das Aussehen der Funde Sinn gemacht. Laut erster Datierung waren sie rund 30.000 Jahre jünger, als die in Äthiopien gefundenen Fossilien. Aber von ihrem Aussehen schienen sie viel älter.

Dr. Philipp Gunz, Paläoanthropologe am MPI für evolutionäre Anthropologie in Leipzig
Schädelrekonstruktion
Bildrechte: Philipp Gunz, MPI EVA Leipzig

Rund 300.000 Jahre alt eben. Doch das Gesicht des frühen Homo sapiens war damals schon voll ausgeprägt, so die Untersuchungen. Dagegen war der Hinterkopf deutlich länger und ähnelte eher älteren Vertretern der Gattung Homo. “Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat“, so Philipp Gunz. Die Form des Gehirns und womöglich auch seine Funktionen haben sich dagegen erst innerhalb der späteren Entwicklung verändert.

Und der Fund zeigt noch etwas. Der frühe Homo sapiens teilte sich die Erde mit vielen anderen Menschenarten. Neben Neandertaler und dem in Sibirien verbreiteten Denisova-Menschen zählt dazu etwa der Homo naledi in Afrika. Vor einem Monat hatten Forscher Fossilien dieser in Südafrika entdeckten Menschenart auf ein Alter von etwa 250.000 bis 300.000 Jahre datiert.

Steinwerkzeuge
Die Forscher fanden in der Höhle 2.500 Steingeräte, die von den Menschen bearbeitet worden waren. Bildrechte: Mohammed Kamal, MPI EVA Leipzig

In einem “Nature“-Kommentar schreiben Chris Stringer und Julia Galway-Witham vom Natural History Museum in London: “Wir stimmen mit Hublin und Kollegen überein, dass die Jebel-Irhoud-Fossilien nun die am besten datierten Beweise für eine frühe "vormoderne" Phase in der Evolution des Homo sapiens darstellen.“ Allerdings gebe es zu wenige Fossilien, um nachzuweisen, dass sich der moderne Mensch tatsächlich schon vor über 250 000 Jahren in ganz Afrika verbreitet habe.

Über dieses Thema berichtet der MDR MDR SACHSEN im Radio | 06.06.2017 | 19:00 Uhr
MDR AKTUELL im Radio | 07.06.2017 | 12:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2017, 13:03 Uhr