Etikett auf einer Flasche mit Methadon
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Erste klinische Studie beantragt Krebs heilen mit Methadon?

Kann Methadon Krebs heilen? Darüber ist unter Experten ein heftiger Streit entbrannt, seit eine Forscherin aus Ulm im Frühjahr veröffentlicht hatte, das Schmerzmittel könne die Wirkung der Chemotherapie verstärken und auch die Krebszellen zerstören, die bis dahin nicht reagiert hatten. Viele Patienten schöpften Hoffnung, aber die Studie steht heftig in der Kritik. Nun soll eine klinische Studie zeigen, was wirklich dran ist am vermeintlichen Wundermittel Methadon.

Etikett auf einer Flasche mit Methadon
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Methadon ist ein starkes Schmerzmedikament, das vor allem dafür bekannt ist, die Entzugserscheinungen bei Heroinabhängigen zu reduzieren. Doch die Ulmer Chemikerin Dr. Claudia Friesen hatte 2007 unter Laborbedingungen eine weitere Eigenschaft des Präparats beobachtet: Dass es die Wirkung der Chemotherapie verstärken und so auch hartnäckige Tumorzellen töten kann. Die Deutsche Krebshilfe förderte daraufhin Friesens Forschungsprojekt "Opioide als neuer Therapieansatz für die Behandlung von malignen (bösartigen) Hirntumoren".

Wir stehen grundsätzlich allen innovativen Ansätzen aufgeschlossen gegenüber, die zu einer besseren Behandlung von Krebspatienten beitragen könnten. Bedingung dafür ist, dass bereits nachgewiesene fundierte wissenschaftliche Vorarbeiten vorliegen und externe Experten das Vorhaben begutachten.

Stiftung Deutsche Krebshilfe

Folgestudie heftig umstritten

Im März 2017 veröffentlichte Friesen gemeinsam mit Kollegen eine weitere Studie, ohne Beteiligung der Deutschen Krebshilfe. 27 Patienten mit Hirntumoren in unterschiedlichen Krankheitsstadien hatten dafür zusätzlich zur Chemotherpapie auch Methadon bekommen. Laut der Veröffentlichung hatten nur neun der 27 Patienten zum Zeitpunkt der Auswertung einen Rückfall. Diese Ergebnisse ließen viele Patienten hoffen, Mediziner und auch die Gutachter der Deutschen Krebshilfe stellten sie jedoch sie in Frage. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie zum Beispiel kritisierte in ihrer Stellungnahme fehlerhafte Angaben und Ungenauigkeiten bei der Berechnung der Überlebenszeiten der Patienten. Außerdem sei dies eine Retrospektivstudie gewesen, deren Nachteile darin bestünden, dass sie zwar Hypothesen, also wissenschaftliche Annahmen hervorbrächten, aber keine eindeutigen Zusammenhänge beweisen könne.

Es ist unklar, ob die günstigen Therapieverläufe zwingend auf die Methadon-Einnahme zurückzuführen sind.

Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie
Methadonmolekül
Methadonmolekül Bildrechte: IMAGO

Eine Erklärung, wie das Zusammenspiel von Chemotherapie und Methadon funktioniert, hatte Dr. Claudia Friesen jedoch schon mitgeliefert: Die Zellen der untersuchten Hirntumore (Glioblastome) bieten an ihrer Oberfläche Andockstellen für das Methadon. Einmal an diese sogenannten Opioid-Rezeptoren angedockt, legt das Methadon einen molekularen Schalter um und die Krebszelle öffnet ihre Schleusen - Chemotherapeutika können ungehindert in die Tumorzelle eindringen. Eine mit Methadon behandelte Tumorzelle nimmt jedoch nicht nur mehr Zellgift auf, sondern gibt auch viel weniger davon wieder ab. Damit wird eine weitere Verteidigungsstrategie der Krebszellen ausgehebelt: Als Abwehrreaktion auf das Zellgift pumpt sie normalerweise das Medikament schnellstmöglich wieder nach draußen. Methadon jedoch stört die Pumpmaschinerie. So verbleibt das Krebsmedikament in großer Menge über einen langen Zeitraum in der Zelle. Dementsprechend wird auch eine geringere Menge benötigt, um die bösartige Zelle abzutöten. Für den Patienten bedeutet dies: weniger Nebenwirkungen durch die Chemotherapie und eine bessere Lebensqualität. So verspricht es das Forscherteam in einer Pressemeldung dazu.

Behandelte Patienten schwören auf Methadon-Therapie

Eine Frau träufelt ein Krebsmedikament auf einen Löfflel.
Sabine Kloske nimmt seit zweieinhalb Jahren zusätzlich zur Chemotherapie Methadon ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unabhängig davon, ob die Untersuchungsergebnisse wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen oder nicht - für Patienten, die als austherapiert gelten und sich damit in ihrer letzten Lebensphase befinden, ist die Methadon-Therapie der Griff nach dem Strohhalm. Bei Sabine Kloske zum Beispiel wurde ein Glioblastom, also ein schnellwachsender und als unheilbar geltender Hirntumor diagnostiziert. Seit zweieinhalb Jahren nimmt sie zusätzlich zur Chemoptherapie Methadon ein. Der Tumor ist bisher nicht zurückgekehrt. Es gibt weitere solcher Fälle, die jedoch als Einzelfälle gelten und deshalb aus Sicht der Mediziner nicht belegen, ob der Erfolg wirklich allein auf Methadon zurückzuführen ist.

Hoffnung machen, wo vielleicht gar keine ist?

Diese Erfolgsgeschichten gingen durch die Medien und weckten in vielen Patienten Hoffnung, wo es schon gar keine mehr gab. Sie forderten von ihren Ärzten, sie sollten ihnen auch Methadon verschreiben. Genau hier setzt die Kritik vieler Mediziner an, unter anderem auch von Jutta Hübner. Sie ist Stiftungsprofessorin für Integrative Onkologie an der Uni-Klinik Jena:

Man könnte darüber allenfalls in Forscherkreisen miteinander diskutieren, aber damit in die Öffentlichkeit zu gehen und Patienten aktiv zu empfehlen, sich eine Subtanz zu besorgen die nicht ungefährlich ist, dass ist ethisch absolut nicht akzeptabel.

Nebenwirkungen von Methadon Methadon wirkt stark beruhigend, vermindert den Antrieb und beeinflusst das Schlafverhalten, indem es dieTraum- und Tiefschlafphasen reduziert. Auch übermäßiges Schwitzen, Schweregefühl in Armen und Beinen, Verstopfung, Gewichtszunahme und Mundtrockenheit können auftreten. Konzentrationsschwierigkeiten, verminderte Aufmerksamkeit und Depressionen sind ebenfalls möglich. Wie bei allen anderen Opioiden kommt es zu einer Pupillenverengung, einer langsameren Atmung, niedriger Pulsfrequenz, Unterdrückung des Reizhustens, Libidoverlust, Schwindel und Schmerzunempfindlichkeit. Bei Überdosierung kommt es zu Atem- und Kreislaufstillstand. Eine langzeitigere Einnahme führt zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit und belastet Leber und Niere.

Zu diesen Ergebnissen kommen wissenschaftliche Studien. Krebspatienten nehmen Methadon in sehr kleinen Mengen ein und beschreiben die empfundenen Nebenwirkungen als äußerst gering.

Kontroverse bricht Bahn für erste klinische Studie

Eines hat die heftige Debatte um den Einsatz von Methadon in der Tumortherapie jedoch gebracht. Seit Juni diesen Jahres liegt der Deutschen Krebshilfe ein Antrag auf eine klinische Studie unter Federführung von Prof. Wolfgang Wick vom Universitätsklinikum Heidelberg dazu vor. In zwei Phasen wird zunächst die Verträglichkeit, dann die Wirksamkeit von Methadon geprüft. Dazu werden verschiedene Patientengruppen untersucht, die mit unterschiedlichen Substanzen behandelt werden. Damit soll herausgefunden werden, ob wirklich nur das Methadon zu den einzelnen bislang bekannten Therapieerfolgen führt, oder ob andere Wirkstoffe mit geringeren Nebenwirkungen das selbe leisten können.

Aus dieser Studie wird man allerdings den Wert für Methadon noch nicht sicher ableiten können, sondern allenfalls die Grundlage für eine größer angelegte Folgestudie.

Stiftung Deutsche Krebshilfe

Der Studienantrag wird derzeit von Fachexperten begutachtet. Mit einer Entscheidung, ob die Studie durch die Deutsche Krebshilfe gefördert wird, ist frühestens Ende Oktober zu rechnen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Hörfunk | 26.09.2017 | 09:27 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2017, 11:29 Uhr