Migräne
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Botox, Betablocker, Sport Was hilft wirklich bei Migräne?

Jeder Zehnte kennt Migräne: Heftige Kopfschmerzen, Übelkeit, Lichtempfindlichkeit, Schwindel und Sehstörungen. Nicht alle Therapien schlagen bei jedem gleich gut an - genausowenig wie gut gemeinte Ratschläge.

Migräne
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Beatrix Neitzert hat bis zu 25 Mal im Monat heftige Migräneattacken. Die starken Kopfschmerzen werden begleitet von Übelkeit, Sehausfällen und Sprachstörungen. Früher war sie Polizistin, doch diesen Beruf konnte sie aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr ausüben.

Wenn ich Befragungen durchgeführt habe, konnte ich manchmal plötzlich nicht mehr sprechen. Meine Zunge war wie gelähmt.

Beatrix Neitzert, Migränepatientin

Kam so eine Kopfschmerzattacke, half nur noch, sich abzuschotten, den Raum zu verdunkeln, den Kopf zu kühlen. Das geht natürlich nicht am Arbeitsplatz. Torsten Kraya von der Uniklinik Halle hat gute Erfahrungen mit Medikamenten gemacht, die einem akuten Migräneschub vorbeugen können.

Die gut untersuchten Präparate sind Betablocker, Blutdruckmedikamente, Medikamente für Epilepsie und Antidepressiva. Nicht jedes Medikament ist für jeden Patienten geeignet. Man muss die Therapie individuell festlegen. Hinzu kommt auch, welche anderen Probleme, wie zum Beispiel Schlafstörungen, noch auftreten.

Torsten Kraya, Facharzt für Neurologie

Diese Medikamente verschaffen den Betroffenen zwar Erleichterung, sind aber nicht ohne Risiko. Betablocker zum Beispiel beruhigen das Nervensystem, schützen so das Gehirn vor Überreizung und können dadurch Migräneattacken vorbeugen. Sie blockieren aber auch die Wirkung von Stresshormonen wie Adrenalin und Noradrenalin und verlangsamen den Herzschlag. Das stellt die Patienten ruhig, häufig mehr als gewünscht. Ein weiteres Problem: Der Körper gewöhnt sich an das Medikament. Langfristig muss also die Dosis des Medikaments erhöht oder auf ein anderes Präparat umgestellt werden. Werden Betablocker plötzlich abgesetzt, nimmt der Herzschlag zu und es drohen Herzrhythmusstörungen.

Mit Botox gegen Schmerzattacken

Botox
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Nicht allen Patienten helfen herkömmliche Medikamente. Beatrix Neitzert zum Beispiel hat vieles vergeblich versucht. Erst die Injektion des Nervengifts Botox hat ihr wirklich geholfen. Die genaue Bezeichnung des Wirkstoffs ist Botulinumtoxin Typ A, der seit einigen Jahren erfolgreich in der Migränetherapie eingesetzt wird. Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Studien hierzu stammt aus den USA. Botulinumtoxin Typ A ist ein natürliches Eiweiß, das die Freisetzung des Botenstoffes Acetylcholin hemmt. Dadurch wird die Übertragung von Nervenimpulsen zum Muskel unterbunden, der sich dadurch entspannt. Am Kopf verlaufen Nerven an mehreren Stellen durch Muskelgewebe. Sind die Muskeln angespannt, wird der Nerv zusammengedrückt und dadurch gereizt. Migräne-Beschwerden entstehen. Kritische Stellen sind das innere Drittel der Augenbrauen, ein bestimmter Punkt an Nase und Schläfe sowie am oberen Teil des Nackens. Genau dort injiziert der Arzt Botox, danach wird in einem Migränetagebuch erfasst, wie sich der Zustand des Patienten verändert. Nach zwei bis vier Monaten lässt die Wirkung des Nervengifts nach, das Zusammenspiel von Nerven und Muskeln wird wieder aktiviert.

Ein neuer Weg: Botenstoffe blockieren

Die neuesten Studien widmen sich jedoch der Frage, wie Migräne überhaupt entsteht. Überaktive Botenstoffe an den Nervenenden können die Blutgefäße im Bereich der Hirnhäute reizen. So entstehen Entzündungen, die dann die Migränebeschwerden auslösen. Am Hamburger Uniklinikum wurden künstliche Antikörper hergestellt und getestet, die den zuständigen Botenstoff blocken sollen. Die Hälfte der Studienteilnehmern hatte dadurch deutlich seltener Migräneanfälle.

15 Prozent waren komplett beschwerdefrei, 50 Prozent hingegen verspürten noch keine deutliche Besserung. Es ist also noch nicht die Therapie, mit der wir allen helfen können.

Torsten Kraya, Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft

Um die Behandlungsmöglichkeiten weiterzuentwickeln und individuell anwenden zu können, brauchen die Wissenschaftler verlässliche Daten. In Online-Tagebüchern sollen die Patienten außer Migräne-Anfällen auch die Umstände melden, unter denen sie auftreten. Auch die ehemalige Polizistin Beatrix Neitzert hält so ihre Symptome fest.

Zum einen bekomme ich als Patientin einen besseren Überblick über den Verlauf, die Begleiterscheinungen und Folgen meiner Krankheit. Zum anderen kann ich meinem Arzt ganz genau sagen, in welchen Abständen die Migräneattacken auftreten und was davor und danach geschieht.

Beatrix Neitzert, Migränepatientin

Irrtümer über Migräne

Eine zusätzliche Belastung für Migränepatienten sind gutgemeinte Ratschläge und Kommentare von Gesunden, die auf Irrtümern über die Krankheit beruhen:

Frau hält sich ihren Kopf.
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Versuche, Stress abzubauen!


Migräne ist eine neurologische Erkrankung und entsteht nicht durch ein stressiges Leben. Sicher kann übermäßiger Stress ein Auslöser sein, er ist aber niemals die Ursache für Migräne.

Du siehst richtig gut aus, überhaupt nicht krank.

Den meisten Betroffenen sieht man die Krankheit nicht an, es sei denn, man erwischt sie im akuten Anfall.

Mach dir keine Sorgen, ich habe auch mal Kopfschmerzen.

Migräne, insbesondere die chronische Migräne, ist kein simpler Kopfschmerz, sondern eine der schlimmsten Schmerzzustände, die Menschen heimsuchen. Von den meist einseitigen, stechenden, hämmernden, pulsierenden Kopfschmerzen wird der gesamte Körper in Mitleidenschaft gezogen. Oft kommen Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Erschöpfung, Licht- und Lärmüberempfindlichkeit hinzu.

Geh an die frische Luft, beweg dich mehr!

Betroffene lieben und brauchen frische Luft und gehen hinaus, so oft es möglich ist. Gemäßigter Ausdauersport kann vorbeugend wirken - in schmerzfreien Zeiten. Während einer Attacke ist daran nicht zu denken. Chronisch Betroffene erleben kaum schmerzfreie Zeiten, um regelmäßig Sport zu treiben.

Such Dir ein Hobby, lenke Dich ab!

Ablenkung kann bei leichten Beschwerden hilfreich sein, Attacken können damit aber weder abgehalten, noch leichter ertragen werden.

Nimm doch eine Tablette!

Mit einer Tablette ist es meist nicht getan. Denn meist treten ja mehrere Symptome gleichzeitig auf. Hinzu kommt, dass chronisch Erkrankte bereits täglich mehrere Medikamente zur Vorbeugung einnehmen müssen.

Migräne ist eine Frauenkrankheit.

Richtig ist, dass mehr Frauen von Migräne betroffen sind als Männer, da die Krankheit auch von Hormonen beeinflusst wird. Da die Krankheit jedoch genetisch bedingt ist, können Männer genauso betroffen sein.

Migräne ist psychisch bedingt, die Krankheit will Dir etwas sagen.

Migräne ist eine eigenständige Erkrankung die unabhängig vom psychischen Zustand des Patienten auftritt.

Vielleicht liegt eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Vergiftung zugrunde.

Migräne ist nicht durch Allergien bedingt. Diäten haben sich bislang als wirkungslos erwiesen. Wichtig ist vielmehr eine vollwertige Mischkost mit ausreichend Kohlenhydraten, die dem Gehirn schnell die Energie liefern, die es verstärkt braucht.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im : Radio | 12.09.2017 | 11:31 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 15:44 Uhr