Schädel von Alesi.
Bildrechte: Fred Spoor/MDR

Anthropologie Sensationeller Schädelfund: Sahen so unsere Vorfahren aus?

Unsere engsten Verwandten sind die Schimpansen, Orang-Utans, Gorillas. All das sind Menschenaffenarten, die es heute noch gibt. Aber wer waren unsere gemeinsamen Vorfahren? Wie sahen sie aus und wo lebten sie? Ein neuer sensationeller Fund könnte nun Licht ins Dunkel bringen.

von Kathleen Raschke-Maas

Schädel von Alesi.
Bildrechte: Fred Spoor/MDR

Dass der gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren in Afrika lebte, konnten Wissenschaftler anhand vieler aufschlussreicher Fossilfunde bereits nachweisen. Sie konnten auch zeigen, wie sich die Menschen seitdem entwickelt haben. Aber was war in der Zeit davor? Ein internationales Forscherteam, darunter auch Fred Spoor vom Max-Planck-Instiut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, hat jetzt eine Antwort auf diese Frage.

"Alesi": Gemeinsamer Vorfahr von uns allen?

Bereits 2014 entdeckte der kenianische Fossiliensammler John Ekusi vom Turkana Basin Institute einen besonders gut erhaltenen fossilen Affenschädel im Norden des Landes. Er war in 13 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten in der Region Napudet, westlich des Turkana-Sees verborgen. Sammler Ekusi nannte ihn "Alesi", abgeleitet vom Turkana-Wort "Ales“ für "Vorfahr".

Cyprian Nyete links und Isaiah Nengo graben Alesi aus.
Cyprian Nyete (links) und Isaiah Nengo (rechts) schützen Alesi beim Ausgraben mit Zahnstocher, Pinsel und einem Härter. Bildrechte: Isaiah Nengo/MDR

"Alesi" ist damit das bislang ältestete bekannte Fossil eines ausgestorbenen Menschenaffen - und das aussagekräftigste. Alle anderen Funde brachten lediglich einzelne Zähne und Kieferknochen zutage, die wenig Rückschlüsse auf das Aussehen und die Lebensweise zuließen. Außerdem konnte aufgrund der fehlenden Schädel nie ganz sicher nachgewiesen werden, ob es sich wirklich um Überreste ausgestorbener Menschenaffen oder andere Affenarten handelte. Für das internationale Forscherteam um Isaiah Nengo vom Turkana Basin Institute der Stony Brook University und vom De Anza College (USA) also eine einmalige Gelegenheit, den Fund genau zu untersuchen.

Schädel gehörte zu einem Affen-Kleinkind

Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeitete ganz in der Nähe, als der Schädel geborgen wurde. Da er selbst häufig die Computertomographie als bildgebende Untersuchungsmethode einsetzt, wurde er gebeten, das Fundstück ins Krankenhaus nach Nairobi zu bringen. Bereits dort konnte er an den Aufnahmen der Zähne sehen, dass es sich wirklich um einen Menschaffen handelte. Spoor war bekannt, dass die European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble/Frankreich über ein extrem sensibles CT-Gerät verfügt. Dort konnten dann weitere spektakuläre Aufnahmen von den innen liegenden Teilen des Schädels gemacht werden, die besonders aufschlussreich waren.

Wir konnten Hirnhöhle, Innenohr und die noch nicht durchgebrochenen bleibenden Zähne mit ihren täglichen Wachstumslinien sichtbar machen. Die Qualität unserer Bilder war so gut, dass wir anhand der Zähne herausfinden konnten, dass das Kind etwa ein Jahr und vier Monate alt war, als es starb.

Paul Tafforeau, European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) Grenoble/Frankreich

Die noch nicht durchgebrochenen bleibenden Zähne im Schädel des jungen Menschenaffen zeigen auch, dass er wirklich einer neuen Art angehört, die die Forscher "Nyanzapithecus alesi" nannten.

Wichtig ist, dass der Schädel über vollständig entwickelte knöcherne Gehörgänge verfügt. Das ist ein wichtiges Merkmal, das ein Bindeglied zu heute lebenden Menschenaffen herstellt.

Ellen Miller, Anthropologin, Wake Forest University (USA)

Ausgestorbene Menschenaffenarten waren offenbar viel kleiner

Alesischädel nach der Ausgrabung.
Alesi, nachdem der Sandsteinblock, mit er zusammen ausgegraben worden war, entfernt worden war. Bildrechte: Isaiah Nengo und Christopher Kiarie\MDR

Alesis Schädel ist etwa so groß wie eine Zitrone, und mit seiner besonders kleinen Schnauze sieht er eher aus wie ein Gibbon-Baby. Chris Gilbert vom Hunter College in New York bestätigt aber, dass solch ein Erscheinungsbild nicht nur bei Gibbons zu finden war, sondern auch bei anderen ausgestorbenen Menschenaffen und Affenarten sowie deren Verwandten.

Keine Kletterkünstler wie Gibbons

Dass die neue Art vom Verhalten her sicher nicht "gibbonartig“ war, konnten die Forscher auch anhand einer Untersuchung des Gleichgewichtsorgans innerhalb des Innenohrs belegen.

Gibbons sind für ihr schnelles und akrobatisches Verhalten in Bäumen bekannt, aber das Innenohr von Alesi zeigt, dass er sich vorsichtiger fortbewegt haben muss.

Fred Spoor, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig und University College London

Alesi ist unser Vorfahr und der aller heute lebender Menschenaffen

Nach der Betrachtung aller Untersuchungsergebnisse ist sich Erstautor Isaiah Nengo sicher, dass Alesi und seine Verwandten dem Ursprung heute lebender Menschenaffen und Menschen sehr nahe war und dass sie in Afrika zuhause waren.

Das war natürlich ein besonderes Gefühl, als uns allen klar wurde, was für eine Kostbarkeit wir da in den Händen hielten. Bis dahin hatte es nichts Vergleichbares gegeben, nichts, dass uns soviel über unsere Herkunft verraten hätte.

Fred Spoor

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell: im Radio | 10.08.2017 | 9:50 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 20. September 2017, 12:50 Uhr