5 Jungvögel
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Schwalben in Gefahr Der frühe Vogel hat Nachwuchssorgen

Der frühe Vogel fängt den Wurm? Die Schwalben belehren uns leider eines Besseren. Und den Sommer kündigen sie auch nicht an. Aufgrund des Klimawandels kommen sie seit Jahren immer früher aus ihren Überwinterungsgebieten zurück. Aber dann ist es hier zu kalt und sie finden kaum Futter für sich selbst und ihren Nachwuchs. Sie legen weniger Eier und können auch nicht alle Küken aufziehen, haben Leipziger Forscher herausgefunden.

von Kathleen Raschke-Maas

5 Jungvögel
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Rauchschwalben durchqueren als Zugvögel während ihrer Reise verschiedene Lebensräume und verschiedene Klimazonen. Deshalb kann man an ihnen besonders gut beobachten, welchen Einfluss Klimaveränderungen auf ihr Brutverhalten und die Aufzucht ihrer Jungen haben. Die Leipziger Biologin Annegret Grimm-Seyfarth vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und ihre Kollegen haben genau das untersucht. Dafür haben sie Daten der sogenannten Hobbyvogelberingung ausgewertet, die aus allen Teilen Ostdeutschlands in der Beringungszentrale Hiddensee gesammelt werden.

Annegret Grimm-Seyfarth
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Junge Rauchschwalben werden im Alter zwischen zehn und 15 Tagen beringt. Deshalb können wir aus dem Datum der Beringung schließen, wann die Eltern mit der Brut begonnen haben. Und daraus wiederum, wann sie zurückgekehrt sind, wenn es die erste Brut nach dem Winter ist. Jetzt wissen wir: Durchschnittlich kehren die Tiere aufgrund der Klimaveränderungen pro Jahr einen halben Tag eher zurück. Für die Jahre 1997 bis 2010, die wir untersucht haben, sind das immerhin 6,5 Tage.

Annegret Grimm-Seyfarth, Biologin Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Nordatlantische "Oszillation" gibt offenbar das Startsignal für den Abflug

Über dem Nordatlantik schwankt zwischen dem Islandtief und dem Azorenhoch der Luftdruck. Sind beide Druckgebilde, also das Hoch und das Tief, stark ausgebildet, kommt es in Europa zu starken Westwind-Lagen und einer milden, feuchten Witterung. Sind sie schwach, lassen die Westwinde nach, es wird trockener und kälter. Die Auswirkungen dieses großräumigen Wetterphänomens treffen nicht nur Europa, sondern reichen auch bis in den Süden Afrikas, wo die Rauchschwalben überwintern. Und offenbar liefert ihnen diese sogenannte Nordatlantische Oszillation dort Anhaltspunkte dafür, wann es in Europa warm genug für die Reise Richtung Norden ist. In den letzten 20 Jahren war das eben immer ein bisschen früher.

Rauchschwalbe im Flug
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Warm genug für die Reise, aber zu kalt für fliegendes Futter

In den vergangenen Jahren war es sehr früh im Jahr also schon so warm, dass die Zugvögel eher hierher zurückgekehrt sind. Aber wenn sie begonnen hatten zu brüten und die Küken geschlüpft sind, war es plötzlich zu kalt. Vor allem für die fliegenden Insekten, auf die die Schwalben angewiesen sind:

Schwalben sind reine Insektenfresser. Und dazu haben sie sich noch auf fliegende Insekten spezialisiert. Die lassen sich nicht ersetzten. Man kann ja nicht einfach einen Schwarm Mücken freilassen, und auch Mehlwürmer im Vogelhaus würden sie nicht anrühren.

Annegret Grimm-Seyfarth, Biologin Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Zu wenig fliegende Insekten - zu wenig Futter für die zarten Sänger und ihre Jungtiere. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, dass die Rauchschwalben inzwischen im Durchschnitt nur noch vier statt fünf Eier auf einmal im Nest haben. Nicht aus jedem Ei wird auch ein gesunder erwachsener Vogel.

Am sensibelsten ist die Zeit vor und direkt nach dem Schlupf. Wer das überlebt, hat gute Chancen.

Annegret Grimm-Seyfarth, Biologin Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Altvogel füttert Küken im Nest
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Anpassung in Sicht?

Seit es Lebewesen auf unserer Erde gibt, müssen sie sich auch immer neuen Gegebenheiten anpassen. Im Falle der Schwalben ist schon vereinzelt zu beobachten, dass sie ihren längeren Aufenthalt hier bei uns dafür nutzen, im Herbst ein drittes Mal zu brüten. Doch das reicht im Moment noch nicht aus, um den Verlust im Frühjahr auszugleichen. Und das Wetter ist auch nicht das einzige Problem, mit dem die Schwalben zu kämpfen haben.

Zugvögel fliegen Jahr für Jahr ihre vertraute Route. Neue Windparks tauchen für sie ganz unerwartet auf und irritieren sie. Sie verunglücken entweder oder müssen sich eine neue Route suchen, was Zeit und Kraft kostet.

Rauchschwalbeneltern in Wohnungsnot

Um erfolgreich Junge aufzuziehen, brauchen Rauchschwalben geeignetes Nistmaterial. Dazu gehören auch Pfützen, aus denen sie lehmiges Sediment für den Bau sammeln können. Aber wo es nur asphaltierte Straßen und gepflasterte Wege und Terrassen gibt, picken sie ins Leere. Außerdem brauchen sie überdachte, höher gelegene Balken, auf denen sie bauen können. Perfekt dafür sind Scheunen, Ställe oder Unterstände mit offenen Einflugmöglichkeiten. Alte, ehemals landwirtschaftliche Gebäude sind dafür gut geeignet. Werden sie abgerissen, fehlt der Nistplatz. Das gilt auch, wenn die Gebäude aufwändig saniert werden. Dann stehen die Vögel quasi vor verschlossener Tür.

Mit alternativen Nistmöglichkeiten tun sich die Rauchschwalben schwer. Sie würden wohl kaum in einen Nistkasten gehen. Deshalb liegt mir sehr am Herzen, dass man die Orte, an denen sie brüten, in Ruhe lässt.

Annegret Grimm-Seyfarth, Biologin Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Rauchschwalbe trinkend
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Immer weniger Schwalben - auch die Naturschutzorganistation NABU hat diesen Trend beobachtet. Seit über zehn Jahren zählen Hobbyornithologen und Freiwillige die Vögel in Deutschlands Gärten. So auch an diesem Wochenende bei der "Stunde der Gartenvögel" , bei der jeder mitmachen kann. Diese Zählung ergab, dass in den letzten Jahren rund 40 Prozent weniger Schwalben beobachtet wurden. Die Rauchschwalben sind aber nicht die einzige Vogelart bei uns, um die wir uns Sorgen machen müssen. Die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen ergab, dass in den letzten Jahrzehnetn hunderte Millionen Brutpaare in Euorpa verloren gingen.

Über dieses Thema berichtet das MDR-Fernsehen Lexi TV | 15.05.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2017, 17:50 Uhr