Abgase strömen aus dem Auspuff eines Autos mit Dieselmotor.
Unter freiem Himmel sind die erlaubten Stickoxidmengen deutlich geringer, als am Arbeitsplatz. Bildrechte: dpa

Gefährliche Abgase Warum es bei Stickoxiden unterschiedliche Grenzwerte gibt

Seit der Diesel-Affäre wird über Stickoxide gestritten. An zahlreichen Messstationen werden die EU-Grenzwerte verletzt. Am Arbeitsplatz hingegen dürfen die Werte 24 Mal höher sein. Klingt unsinnig, aber ist es das auch?

von Johannes Schiller

Abgase strömen aus dem Auspuff eines Autos mit Dieselmotor.
Unter freiem Himmel sind die erlaubten Stickoxidmengen deutlich geringer, als am Arbeitsplatz. Bildrechte: dpa

Unter freiem Himmel gilt: Höchstens 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Raummeter Luft. Das ist der offizielle EU-Grenzwert, im Jahresmittel. Bei Schweißarbeiten in einer Fabrikhalle dagegen sind bis zu 950 Mikrogramm pro Raummeter Luft erlaubt, also 24 Mal mehr. Das klingt widersprüchlich - einerseits gilt eine große Menge an Stickstoffdioxid über einen langen Zeitraum als harmlos, dagegen eine niedrigere Menge auf kurze Dauer als tödliche Gefahr. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Dahinter stecken verschiedene Herangehensweisen und Fragestellungen: Für die Werte am Arbeitsplatz wurde an Ratten getestet, ab welchem Wert sich bei ihnen Reizungen der Atemwege zeigten. Hinter den Werten für die Straße steckten dagegen andere Fragen: Wie hoch sind dort die Luftschadstoffe an einem bestimmten Ort und die Gesundheitswerte von Menschen dort? Dabei ging es gar nicht um Stickoxide selbst, sondern um die Menge der verkehrsbedingten Emissionen.

Bezogen auf die Bedingungen am Arbeitsplatz sagt Andreas Gies vom Umweltbundesamt in Dessau:

Dann gehen wir davon aus, dass Menschen diesen Konzentrationen acht Stunden am Tag ausgesetzt sind und dass es gesunde Menschen sind. Also dass wir keine Asthmatiker oder Menschen mit COPD dabei haben.

Andreas Gies, Umweltbundesamt in Dessau

Menschen mit der chronischen Lungenkrankheit COPD oder Asthmatiker leiden nämlich besonders unter dem Reizgas Stickstoffdioxid. Das belegen mehrere Studien.

Kritiker argumentieren dagegen, Stickoxide erfüllten vor allem die Rolle eines Signalgebers. Sie stehen demnach stellvertretend für viele weitere Luftschadstoffe. Und daraus leiten sie die Frage ab: Wer sagt denn, dass es wirklich die Stickoxide sind und nicht die anderen Stoffe? Bei diesem Vorwurf erinnert sich Gies an eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO):

Im Endergebnis ist rausgekommen: Stickoxide haben mit hoher Wahrscheinlichkeit einen eigenen Anteil. Sie sind nicht nur ein Indikator, sondern sie verursachen Gesundheitsschäden mit hoher Wahrscheinlichkeit selber.

Für ihn geht es nicht darum, alles auf die Stickoxide zu schieben, wie hin und wieder zu lesen ist. Aber er warnt davor, sie zu unterschätzten. "Ich glaube, man unterliegt da einer Fehleinschätzung, die die Politik in die falsche Richtung leiten und sie dazu bringen soll, weiter zu tolerieren, dass wir wegen der erhöhten Stickoxidkonzentration jährlich tausende Todesfälle zusätzlich haben."

Der gesetzliche Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm basiert auf diesen so genannten epidemiologischen Studien. Die Vorgehensweise bei der Studie zu den Höchstwerten auf der Straße hat einen Haken: Auf diesem Weg lässt sich ein direkter Zusammenhang nämlich nicht beweisen. "Deswegen werden unterschiedliche Methoden kombiniert", erklärt Annette Peters vom Münchner Helmholtz-Zentrum für Gesundheit und Umwelt: "Nimmt man die Indizien für Stickstoffdioxid zusammen, so kann man sagen, dass experimentelle Studien die Epidemiologie untermauern."

Forscher gehen davon aus, dass es keine unbedenkliche Menge an Stickoxiden gibt. Jede Dosis wirkt. Deswegen spricht sich Peters sogar für einen noch schärferen Grenzwert aus. "Gegenwärtig deuten unsere Studien darauf hin, dass oberhalb von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter klar Gesundheitsauswirkungen auftreten."

Übrigens: Bei Stickoxiden liegt Deutschland in Europa auf Platz 1. Ein Grund: Der besonders hohe Anteil an Diesel-Fahrzeugen.

Über dieses Thema berichtete MDR: Radio und Fernsehen | 02.08.2017 | ab 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2017, 15:18 Uhr