Vater und Sohn beobachten Tier
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Tag der biologischen Vielfalt Citizen Science - ohne Freizeitforscher geht es nicht

Ohne Citizen Science, die Bürgerforschung, wüssten wir wohl kaum so genau, wie es um unsere Artenvielfalt bestellt ist. Keine wissenschaftliche Einrichtunge könnte leisten, was die etwa zehn Millionen Freiwilligen in ihrer Freizeit beobachten und dokumentieren. Aber was treibt uns überhaupt dazu an, Vögel zu zählen und Käfer zu bestimmen? Die Leipziger Forscherin Anett Richter hat das näher untersucht.

von Kathleen Raschke-Maas

Vater und Sohn beobachten Tier
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Bienensterben, Schwalben in Not, Wälder mit lichten Baumkornen - fast täglich werden wir mit der Tatsache konfrontiert, das Arten bedroht sind oder gar verschwinden. Unstrittig ist, dass das niemand will. Um aber überhaupt herauszufinden, wo es am kritischsten um bestimmte Tier- und Pflanzenarten bestellt ist und wie man sie vielleicht schützen kann, brauchen wir eine möglichst umfassende Bestandsaufnahme. Bei rund 48.000 Tierarten, 10.300 Pflanzen- und 14.400 Pilzarten allein in Deutschland ist das eine Aufgabe, die die Forscher an den Instituten allein nicht leisten könnten. Deshalb ist die sogenannte "Citizen Science" so wichtig.

Citizen Science - was ist das überhaupt?

Bürgerwissenschaft - so könnte man Citizen Science übersetzen. Dass wir fast ausschließlich den englischsprachige Begriff verwenden, liegt daran, dass sie vor allem im englischsprachigen Raum schon seit etwa 100 Jahren anerkannter Bestandteil der Forschungsarbeit ist. Hier in Deutschland hingegen hielten sich die Forscher lange zurück, weil sie an der Belastbarkeit der Informationen, die durch Laien gesammelt wurden, zweifelten. Den Durchbruch schaffte Citizen Science bei uns erst vor etwa 15 Jahren.

Freizeitforscher leisten jährlich Arbeit im Wert von rund 11,5 Milliarden Euro

Je größer die Menge an Daten, die für eine Studie zur Verfügung stehen, desto belastbarer ist das Ergebnis. Und gerade für die Bestandsaufnahme von Arten sind die Wissenschaftler auf die Menschen angewiesen, die sich dort, wo sie leben, umschauen und dabei vielleicht auch Tiere und Pflanzen entdecken, die die Forscher in diesen Gebieten vielleicht gar nicht vermutet hätten. Die flächendeckende Vogelberingung durch Freiwillige zum Beispiel zeigt jährlich, wo sich wann welche Vogelarten aufhalten, wie sich der Bestand entwickelt. Ganz gleich, ob Käfer gezählt oder eingewanderte Pflanzen registriert werden, Freizeitforscher leisten in Deutschland in ihrer Freizeit jährlich Arbeit im Wert von rund 11,5 Milliarden Euro.

Jungvogel wird beringt
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Inzwischen hat Citizen Science also auch bei uns einen Stellenwert und eine Größenordnung erreicht, in der sie unverzichtbar geworden ist. Für die Wissenschaft, aber auch für Politik und Gesellschaft - weiß Anett Richter, die gemeinsam mit Kollegen erforscht, wie Citizen Science funktioniert, was sie leisten kann und was man tun muss, damit sich Menschen dafür begeistern. Ein erstes Ergebnis dieser Untersuchung ist das Strategiepapier "Bürger schaffen Wissen - Wissen schafft Bürger", das die Bundesregierung so überzeugt hat, dass sie Citizen Science Projekte inzwischen auch fördert.

Anett Richter
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Wir konnten deutlich machen, dass die Bürgerforschung unverzichtbar ist für die Wissenschaft. Und auch, dass politische Entscheidungen besser verstanden und akzeptiert werden, wenn Bürger an Studien beteiligt waren, die einer solchen Entscheidung zugrunde liegen.

Dr. Anett Richter Helmholtz Zentrum für Umweltforschung-UFZ/ Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)

Es muss vor allem Freude machen

Auch wenn die Forschung zu Citizen Science noch am Anfang steht, wissen Anett Richter und ihre Kollegen doch jetzt schon, dass es eine große Rolle spielt, dass die Menschen Freude daran haben. Zu lernen, wie Wissenschaft funktioniert, mit echten Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten, das eigene Wissen zu teilen, das sind Gründe, die Citizen Scientisten angeben. Und durch die digitale Vernetzung kann man Teil einer internationalen Gemeinschaft werden, die zu einem Sachverhalt forscht.

Viele wollen auch einfach etwas lernen. Deshalb beschäftigen sich vor allem Kinder und Jugendliche mit der Natur vor ihrer Haustür. Die Juniorranger zum Beispiel wollen in ihren Schutzgebieten mehr erforschen. Und dafür brauchen sie eben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Es ist also ein Geben und Nehmen.

Dr. Anett Richter Helmholtz Zentrum für Umweltforschung-UFZ/ Deutsches Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv

Freizeitforscher werden - aber wie?

Wissenschaftliche Institutionen suchen Freiwillige für Citizen-Science-Projekte im direkten Gespräch z.B. bei Bürgerfesten, zur Langen Nacht der Wissenschaft oder zum Tag der offenen Tür der Museen oder über die soziale Medien. Es gibt aber auch eine spezielle Plattform dafür:

Diese Projekte arbeiten mit Citizen Science:

Über dieses Thema berichtet der MDR im Fernsehen: LexiTV | 22.05.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2017, 15:22 Uhr