Tollkirsche an einem Strauch
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Homöopathie Tollkirsche – Gift oder Medizin?

Sind in den USA zehn Kinder nach der Verwendung von homöopathischen Mitteln gestorben? Homöopathischen Mitteln mit zu hohen Rückständen von Tollkirsche? Dieser Frage gehen derzeit US-Kontrollbehörden nach. Sie warnen schon lange vor den Mitteln. Wirkstoffe aus der Tollkirsche werden auch in der deutschen Medizin genutzt. Sie können gefährlich sein aber auch helfen – vor allem in der Augenmedizin.

von Karolin Dörner

Tollkirsche an einem Strauch
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Atropos ist in der griechischen Mythologie die Göttin, die den Lebensfaden der Menschen durchschneidet. Sie ist auch die Namensgeberin von Atropin, dem Wirkstoff der Tollkirsche. Denn wer zu viel von ihr nascht, stirbt. Bei Kindern reichen drei bis vier Beeren, bei Erwachsenen sind es zehn bis 12, weiß Detlef Klauck von der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt.

Die typischen Nebenwirkungen sind zuerst Mundtrockenheit, weil über das Atropin auch die Schweißdrüsen oder die Drüsensegretion mitgesteuert werden. Dann kommt es, weil der Körper nicht mehr schwitzen kann, zum Wärmestau auf der Haut. Danach folgen Herzrasen, Halluzinationen und auch Krämpfe.

Detlef Klauck, Apothekerkammer Sachsen-Anhalt
Globuli mit Tollkirsche
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Aber Tollkirsche ist nicht nur Gift. Mit der richtigen Dosierung findet man Atropin nach wie vor in der Medizin, weit verbreitet in der Homöopathie. Aber nicht nur da, so Apotheker Klauck: “In den Magentropfen ist es typischerweise mit drin. Die Augenärzte haben entsprechend auch Augentropfen, wo es mit eingesetzt wird. Da dient es dann zum Ruhigstellen des Auges.“

Denn der Stoff der Tollkirsche kann Krämpfe lindern. Und in der Augenheilkunde könnte Atropin sogar ein weitreichendes Problem lösen, so Wolf Lagrèze leitender Arzt der Klinik für Augenheilkunde in Freiburg.

Es ist tatsächlich seit über hundert Jahren bekannt, dass Atropin die Zunahme der Kurzsichtigkeit verlangsamen kann.

Wolf Lagrèze, Klinik für Augenheilkunde Freiburg

Das Problem sind die unangenehmen Nebenwirkungen: Zum Beispiel bremst der Stoff der Tollkirsche den Teil des Nervensystems, der die inneren Organe und den Blutkreislauf steuert.

Detlef Klauck von der Apothekerkammer: “Und deshalb werden eben an vielen Stellen weiterentwickelte Stoffe genutzt, die sich strukturmäßig auf das Atropin beziehen aber dann eben nicht mehr an allen Stellen wirken, sondern nur noch an einer bestimmten Stelle.“

Aber auch dort bleiben Beschwerden. Wer mit dem abgewandelten Stoff seine Kurzsichtigkeit bekämpfen will, lähmt das Auge und wird lichtempfindlich. Neue Studien aus China zeigen eine Lösung: Hochverdünntes Atropin. Wolf Lagrèze wendet es in der Augenklinik an und hat bisher gute Erfahrungen gesammelt.

Wir konnten damit schon bei einem Großteil der Kinder die Progression der Kurzsichtigkeit bremsen.

Wolf Lagrèze

Das verdünnte Atropin ist in Deutschland aber noch nicht als Arzneimittel zugelassen. Dafür fehlen Studien außerhalb von China. Ums zehntausendfache mehr verdünnt aber, findet man die Tollkirsche in der deutschen Homöopathie. Ob Atropin dann noch wirkt, ist stark bestritten. Klar ist gleichermaßen für Arzt, wie Apotheker: Eine Gefahr geht von den Globuli, zumindest hier im Land, nicht aus.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell im Radio | 24.02.2017 | 16:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 13:58 Uhr