Großer Hammer trifft einen Geschäftsmann in einer Reihe.
Bildrechte: IMAGO/Ikon Images

Fünf Millionen Erkrankte in Deutschland Wirtschaftsfaktor Depression

In Leipzig geht heute der 4. Patientenkongress der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zu Ende. Allein in Deutschland leiden jährlich etwa fünf Millionen Menschen an dieser Krankheit. Arbeitsausfälle und Frühverrentungen sind die Folge. Wir haben in zwei großen Unternehmen nachgefragt, wie sie mit dem Thema Depression umgehen.

von Karsten Möbius

Großer Hammer trifft einen Geschäftsmann in einer Reihe.
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Bei Siemens arbeiten etwa 350.000 Menschen. Ein Unternehmen mit derart vielen Mitarbeitern ist ein gutes Spiegelbild der Gesellschaft. Ulrich Birner ist dort für das Gesundheitsmanagement bei psychischen Erkrankungen zuständig:

Wir bekommen anonyme, allgemeine Statistiken der Krankenkassen und die zeigen zum Beispiel ganz deutlich, dass psychische Störungen mit knapp 30 Tagen pro Fall, die bei weitem längste Arbeitsunfähigkeit haben.

Soweit die Statistik, die von 30 Tagen spricht. Konkret leiden die Betroffenen aber weitaus länger und können nicht arbeiten - wie beispielsweise die Krankenschwester Katrin M.:

Also ich war krank geschrieben, erst ein halbes Jahr. Dann habe ich kurze Zeit eine Wiedereingliederung gemacht, bin dann ein paar Tage arbeiten gegangen und bin dann völlig zusammengeklappt.

Betroffene Katrin M.

Wenn man alle Tage zusammenrechnet, die 2016 durch Krankschreibungen, Frühverrentungen und Todesfälle entstanden sind, dann kommen 158.000 verlorene Erwerbsjahre zusammen. Das müsste nicht so sein, glaubt Waltraut Rinke. Sie engagiert sich in der Deutschen Depressionsliga:

Man muss sich ganz klar darüber sein, durch diese Diagnose 'Depression' kommen unheimlich viele Leute heute noch in die Frühverrentung. Auf der einen Seite geht den Unternehmen das Wissen verloren, auf der anderen Seite verlieren Betroffene ihren Job, ihre finanzielle Sicherheit, ihre Struktur und einen Großteil Teilhabe am Leben. Es ist also zum Schaden beider, wenn Arbeitgeber da keinen Weg finden.

Waltraud Rinke, Vorsitzende der Deutschen Depressionsliga

Das wissen auch die Unternehmen - zumindest die großen - und sie reagieren. Die Deutsche Bahn beispielsweise testet sogenannte "Peers" - das kommt aus dem Englischen und heißt schlicht Kollege: Ausgewählte Kollegen werden geschult und dienen als eine Art Frühwarnsystem. Christian Gravert Betriebsarzt der Deutschen Bahn erklärt ihre Aufgabe: Sie sollen im Unternehmen Augen und Ohren offen halten, um Mitarbeiter zu erkennen und beraten, die eine Depression haben und vielleicht selbst für sich noch nicht entschieden haben, in ärztliche Behandlung zu gehen.

Wie glückt der Wiedereinstieg nach der Therapie?

Betroffene, die den Schritt zum Arzt und zu einer Behandlung, einer Therapie gewagt haben, sollen und wollen zwar zurück ins Arbeitsumfeld - aber geht das so einfach? Gravert weiß, dass das nicht leicht ist: Nicht jeder, ob Kollege oder Chefin, weiß mit der Diagnose "Depression" eines Mitarbeiters umzugehen. Hinzu kommt noch, dass die Krankheit quasi schambehaftet, Depression mit einem Stigma versehen ist, wie der Siemens-Gesundheitsmanager Ulrich Birner sagt:

Das ist zum einen das fehlende Wissen um psychische Erkrankungen, zweitens eine ablehnende Haltung gegenüber den Betroffenen und drittens ein Mangel an unterstützendem Verhalten oder noch schlimmer aktive Ausgrenzung. 

Ulrich Birner, Siemens-Gesundheitsmanager

Wie Unternehmen die Rückkehr erleichtern

Die Deutsche Bahn und Siemens wollen genau das ändern. Sie bieten Informations- und Schulungsprogramme für Führungskräfte, damit die wissen, was eine Depression ist, wie man sie möglicherweise erkennt und wie man Betroffene am besten unterstützen kann. Dazu nutzen beide elektronische Lernprogramme, mit denen sich Führungskräfte informieren und trainieren können. Siemens beispielsweise nutzt dazu spielerische Elemente, damit die Programme auch wirklich genutzt werden. Dabei können Vorgestetzte unterschiedliche Kommunikationsstile ausprobieren und sehen, wie Mitarbeiter darauf reagieren. Zu jeder Sequenz bekommen sie eine fachliche Rückmeldung. So können sie sich auf die "Praxis" vorbereiten - auf die Begegnung mit dem richtigen Mitarbeiter, in der richtigen Arbeitsumgebung.

Bahn schaltet Hotline

Eine Frau hält einen Telefonhörer in der Hand
Die Hotline für Bahnmitarbeiter ist rund um die Uhr geschaltet. Bildrechte: Colourbox

Nicht immer wird eine Depression bemerkt und Erkrankte teilen sich auch niemandem mit, nach dem Motto "Das geht das niemanden etwas an". Auch die Angst vor Nachteilen ist oft nicht unbegründet. Deshalb hat die Deutsche Bahn für Mitarbeiter eine 0800-er Nummer eingerichtet, an der Sozialarbeiter und Psychologen rund um die Uhr erreichbar sind. 5.000 Bahnmitarbeiter nutzten allein 2016 Jahr diese Hotline, sagt Betriebsarzt Christian Gravert:

... und davon waren 700 Mitarbeiter, die Beratungsbedarf wegen Depression hatten. Das kann auch die Depression von Angehörigen sein. Das muss nicht ihre eigene sein.

Christian Gravert

Schweigen schadet

Auch wenn es schwer fällt, sich zu offenbaren, ist das vielleicht nicht unwichtig, findet Ulrich Birner. Erst wenn man weiß, woran der Kollege leidet, könne man gemeinsam an passenden Lösungen arbeiten. Eine Anlaufstelle, um solch einen Prozess in Gang zu bringen, seien beispielsweise die Betriebsärzte:

Die verstehen das schneller, können das besser einordnen und können zum Beispiel auch zusammen mit den Betroffenen und der Führungskraft ein Gespräch führen. Das Ziel sollte aber schon sein mit einer möglichst großen Offenheit zu sagen, worum es geht, weil sonst einfach die Unterstützungsmöglichkeiten, die eigentlich alle Unternehmen bieten, nicht greifen können.

Ulrich Birner:

Wenn alles gut läuft, die Behandlung gut funktioniert, Arbeitskollegen und Unternehmen Verständnis zeigen, gelingt in vielen Fällen eine Rückkehr in den Job und die ehemals Erkrankten sind wieder voll einsatzfähig ohne Einschränkungen.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im Radio: MDR aktuell | 26.08.2017 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2017, 00:00 Uhr