Schwangerschaft
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Weichmacher in Plaste Mehr Allergien bei Kindern

Dass Phthalate gesundheitsgefährdend sein können, ist bekannt. In der EU dürfen sie bereits seit 2005 nicht mehr in Spielzeug und Babyartikeln verwendet werden. Wissenschaftler am Leipziger Umweltforschungszentrum (UFZ) haben jetzt gezeigt: Sie wirken sogar auf Kinder, die noch gar nicht geboren sind.

von Johannes Schiller

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Verpacktes Obst im Supermarkt oder Shampoo-Flaschen - unser Leben besteht aus Plaste. Und damit auch aus Weichmachern wie den Phthalaten. Wenn sie sich lösen, kann es für den Menschen gefährlich werden, erklärt Tobias Polte vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

Dr. Tobias Polte, Umweltforscher, UFZ Leipzig
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Dass Weichmacher wie zum Beispiel Phthalate für die Gesundheit nicht ganz unproblematisch sind, ist ja bekannt. Insbesondere ihre Wirkung auf Hormonsystem, Fruchtbarkeit und Stoffwechsel wurden beschrieben

Tobias Polte, Umweltforscher, UFZ Leipzig

Baby-Produkte und Kinderspielzeug dürfen deshalb schon seit 2005 keine solchen Weichmacher mehr enthalten. Aber die Mütter sind ihnen natürlich weiterhin ausgesetzt. Die Wissenschaftler fragten sich, welche Folgen das hat. Polte und sein Team nutzten für ihre Studie Daten von gut 600 Mutter-Kind-Paaren – der so genannten LINA-Kohorte. LINA steht dabei für “Lebensstil und Umweltfaktoren und deren Einfluss auf das Neugeborenen-Allergierisiko“.

In unserer Studie konnten wir nun mit Hilfe unserer Mutter-Kind-Kohorte LINA einen eindeutigen Zusammenhang zeigen, zwischen erhöhten Konzentrationen eines bestimmten Phthalates im Urin der Mütter mit einem erhöhten Auftreten einer allergischen Immunreaktion – also dem allergischen Asthma.

Tobias Polte

Um dieses Ergebnis wissenschaftlich besser abzusichern, wechselten die Forscher vom Menschen zur Maus. Dafür arbeitete Polte mit Kollegen der Uni-Klinik Leipzig und des Deutschen Krebsforschungs-Zentrums zusammen. Sie gaben Mutter-Tieren Weichmacher ins Trinkwasser und stellten fest: Bei den Mäuse-Kindern stieg das Risiko, an Asthma zu erkranken. Und zwar nicht nur bei den direkten Nachkommen.

Was sind Phthalate, wozu dienen sie? Phthalate sind Verbindungen der Phthalsäure (1,2-Benzoldicarbonsäure) mit verschiedenen Alkoholen (Phthalsäureester).
Phthalate werden vor allem als Weichmacher für Kunststoffe eingesetzt. Erst ihre Zugabe verleiht dem an sich harten und spröden Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) elastische Eigenschaften und ermöglicht, dass er als Weich-Kunststoff eingesetzt wird. Die chemische Industrie produziert in Westeuropa jährlich rund eine Million Tonnen Phthalate. Mehr als 90% gehen in die Produktion des Weich-PVC. Sie werden z.B. in Kabeln, Folien, Fußbodenbelägen, Schläuchen, Tapeten, Sport- und Freizeitartikeln eingesetzt.
Quelle: Umweltbundesamt

In unserer Mausstudie war es erstaunlicherweise so, dass wir sogar noch die erhöhte Atemwegsentzündung in der Enkelgeneration gefunden haben. Das heißt, eine mütterliche Belastung während der Schwangerschaft hatte sogar noch Auswirkungen auf die Enkel.

Tobias Polte
Ein Baby mit einem Beißring
Aufgrund ihrer gesundheitsschädlichen Eigenschaften sind einige Phthalate in bestimmten Verbraucherprodukten u.a. Spielzeug und Babyartikeln bereits seit 2005 verboten. Bildrechte: Colourbox.de

Die Weichmacher wirken auf Ebene der Gene. Sie bringen die Balance des Immunsystems aus dem Gleichgewicht. Dadurch wehrt sich der Körper gegen bestimmte Stoffe, obwohl er das eigentlich gar nicht müsste. Nach außen sichtbar durch allergisches Asthma. Und werdende Mütter sind besonders anfällig dafür, so Polte. “Unsere Studie zeigt eindeutig, dass die Zeit während der Schwangerschaft oder vielleicht auch der Stillzeit, eine ganz besonders empfindliche Zeit ist, bei der der Organismus offensichtlich deutlich sensibler auf Umwelteinflüsse wie zum Beispiel Chemikalien reagieren kann.“

Was rät er also Müttern? Welche Produkte sollen sie meiden? Die Antwort muss unbefriedigend klingen: Die Forscher wissen es auch nicht. Weil sie die Quellen der Weichmacher nicht kennen.

Daraus folgt natürlich, dass wir auch keine spezifische Empfehlung geben können: Vermeiden Sie dies oder vermeiden Sie das! Wir wissen, dass diese Phthalate eben halt aus Plastikprodukten freigesetzt werden können. Das können Verpackungsmaterialien sein oder auch Fußbodenbeläge. Aber die genaue Quelle kennen wir nicht.

Tobias Polte

Ob das in Zukunft möglich sein wird, ist fraglich. Die Forscher gehen jetzt erstmal einen anderen Weg. Als nächstes wollen sie herausfinden, wie die Phthalate ganz genau vom Körper der Mutter in den des Babys gelangen.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 06.05.2017 | 12:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2017, 11:23 Uhr