Blick auf die Anlage
Das Ecotron funktioniert ein wenig wie Brutkästen. Hier werden Ökosysteme simuliert. Bildrechte: Kristin Kielon

Projekt "Ecotron" in Bad Lauchstädt Forscher simulieren die Folgen des Artensterbens

Wahrscheinlich hat sich jeder schon einmal gefragt welchen Nutzen eigentlich viele Insekten haben – immerhin nerven die Krabbelviecher uns häufig. Wissenschaftler schätzen den wirtschaftlichen Nutzen von Insekten für die Landwirtschaft durch das Bestäuben von angebauten Pflanzen auf rund 150 Milliarden Euro pro Jahr. Sterben Tiere aus, kann das also dramatische Folgen haben. Welche genau, das untersuchen Forscher in einem weltweit einzigartigen Projekt in Bad Lauchstädt.

von Kristin Kielon

Blick auf die Anlage
Das Ecotron funktioniert ein wenig wie Brutkästen. Hier werden Ökosysteme simuliert. Bildrechte: Kristin Kielon

Es ist ein bisschen wie in einem Science-Fiction-Film: Es brummt, es ist dunkel und nur die mehr als drei Meter hohen Versuchskammern leuchten. Sie sehen aus wie überdimensionale Glasvitrinen auf einem Metallsockel. Und in ihnen wachsen Pflanzen: Gräser, Gänseblümchen, Bohnenpflanzen. Diese futuristischen Testkammern wurden neu entwickelt und sind weltweit einzigartig, erzählt Manfred Türke vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung.

Wir wollten möglichst natürlich Bedingungen: Das heißt, wir beregnen zum Beispiel von oben. Genauso haben wir ein Lichtspektrum, was angelehnt ist, ans Sonnenlicht.

Dr. Manfred Türke, iDiv, Koordinator Ecotron
Ein Blick von oben in einen der Kästen.
Im Ecotron wird zuerst das System Wiese untersucht. Bildrechte: Kristin Kielon

In den 24 Versuchskammern stecken außerdem jeweils rund zwei Tonnen Erdboden und umfangreiche Messtechnik. Kameras beobachten das Zusammenspiel zwischen Tieren und Pflanzen rund um die Uhr. Zum Start wächst hier eine Wiese: Dazu haben die Forscher typische Pflanzen und Tiere in die Versuchskammern getan. Sie erhoffen sie sich Erkenntnisse darüber, welche Folgen der Wegfall von sogenannten Räubern auf das Ökosystem haben könnte. Denn wirbellose Raubtiere sind derzeit besonders vom Aussterben bedroht.

Wir haben jetzt zum Beispiel eine Pilotstudie laufen mit einem Räuber-Beute-System: Das sind Blattläuse und verschiedene Marienkäfer, die die erbeuten. Und unterirdisch haben wir die Artengemeinschaft von Zersetzern manipuliert: Das heißt Regenwürmer, Springschwänze. Da können wir am besten an den Stellschrauben drehen.

Dr. Manfred Türke

Das heißt in der Praxis, dass die Forscher in den Versuchskammern verschiedene Bedingungen nachstellen: Etwa eine Wiese mit Käfern und eine ohne. Dann sehen sie, wie sich das komplexe Ökosystem entwickelt oder welche Rolle die Art in der Nahrungskette einnimmt, sagt der wissenschaftliche Leiter des Projekts, Professor Nico Eisenhauer vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung.

Der Wissenschaftler Prof. Nico Eisenhauer.
Bildrechte: Kristin Kielon

Wir können genauso vorgehen, dass wir genau diese Organismen manipulieren, von denen wir wissen, dass sie auf Störungen ganz sensitiv reagieren. Das heißt, wir wissen dieser Räuber stirbt aus oder wird geringer wenn wir vermehrt düngen oder Pestizide ausbringen und dann können wir genau diese Bedingungen ohne Störeinflüsse hier im Ecotron nachstellen.

Prof. Nico Eisenhauer, iDiv, Projektleiter Ecotron

Bisher sei es nicht möglich gewesen, so etwas unter kontrollierten Bedingungen durchzuführen. Und auch diese Untersuchungen an Pflanzen und Tieren im Zusammenspiel sind neu. Die Versuchskammern sind sogar groß genug, um die Beobachtungen verallgemeinern zu können, so Ökologe Eisenhauer.

Wir befinden uns genau zwischen der Komplexität der Natur mit allen Vor- und Nachteilen und ganz kontrollierten Labor-Experimenten. Wir denken, dass wir auf Größenskalen arbeiten, die relevant sind für ganz viele Ökosystemprozesse und wir können zur gleichen Zeit eben auch Organismen gezielt manipulieren und das können wir im Feld einfach nicht so gut.

Prof. Nico Eisenhauer

Bis sie die Anlage effektiv nutzen können, müssen die Forscher die neu entwickelte Technik aber erst einmal intensiv testen. Für die Zukunft haben sie allerdings schon Pläne: Nach der Wiese soll das Ökosystem Wald in die Versuchskammern einziehen.

Über dieses Thema berichtet der MDR im Fernsehen: Sachsen-Anhalt-heute | 17.05.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 13:58 Uhr