300 Millionen Brutpaare weniger Zahl der Vögel sinkt seit Jahren

Deutschland hat ein Vogelproblem. Und damit sind nicht die Tauben gemeint, die sich überall in den Städten breit machen. Denn uns gehen die Vögel aus. Die Zahl der Tiere ist in den letzten Jahrzehnten massiv gesunken. Die Rede ist von rund 600 Millionen Tieren in den Ländern der EU. Das ergab die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag.

Der Naturschutzbund NABU macht seit Jahren auf das Problem aufmerksam. Die Zahl vieler Vögel in Deutschland geht zurück. Mit Hobbyforschern zählt der Verband seit 2004 bei der “Stunde der Gartenvögel“ die Tiere. 2016 zum Beispiel waren Schwalben und Mauersegler im Fokus. Deren Bestand war nach den NABU-Zählungen in den letzten zwölf Jahren um über 40 Prozent zurückgegangen. Die Zahlen der Bundesregierung malen sogar ein noch düsteres Bild. Insgesamt ist demnach in der EU die Zahl der Brutpaare in den landwirtschaftlichen Gebieten zwischen 1980 und 2010 um 300 Millionen zurückgegangen, das ist ein Minus von 57 Prozent.

Diese Zahlen entstammen der Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag, die heute veröffentlicht wurde. Sie belegen das dramatische Ausmaß der Veränderung. So hat z.B. der Bestand der Kiebitze von 1990 bis 2013 um 80 Prozent abgenommen. Auch Braunkehlchen, Feldlerchen und Uferschnepfen mussten Verluste zwischen 30 und 60 Prozent hinnehmen. Am heftigsten traf es die Rebhühner – Rückgang 84 Prozent, so die Angaben der Bundesregierung. Ein Drittel aller Vogelarten zeigte seit Ende der 90er Jahre “signifikante Bestandsabnahmen“.

Kiebitz
Der Bestand der Kiebitze ist bei uns von 1990 bis 2013 um 80 Prozent gesunken. Bildrechte: Colourbox.de

Der NABU begrüßt die kritische Nachfrage durch die Grünen und die fachlich fundierte Antwort der Bundesregierung, so die Pressemeldung des Verbandes zu der Veröffentlichung heute. Die Zahlen und Fakten des Dokumentes ließen klar erkennen, wo derzeit das größte Problem für die Erhaltung der heimischen Vogelwelt und der damit zusammenhängenden Artenvielfalt liege. "Die immer intensivere Landwirtschaft lässt selbst den früher fast überall anzutreffenden Vogelarten der Agrarlandschaft keinen Raum mehr zum Überleben. In vielen Regionen Deutschlands kann man inzwischen den fröhlichen Frühlingsgesang der Feldlerche beim Spaziergang über die Felder kaum mehr hören“, sagte NABU-Vizepräsident Thomas Tennhardt. 

Kein Platz, keine Nahrung

Den Tieren geht immer mehr Lebensraum verloren, so steht es im Bericht der Bundesregierung. NABU-Vogelexperte Lars Lachmann kennt das. Er wertete die Zahlen bei Schwalben und Mauerseglern so:

Ein Grund für die schlechten Werte ist der Verlust von Brutplätzen an gedankenlos renovierten Häusern, zum Teil sogar mutwilliger und illegaler Zerstörung von Nestern.

Lars Lachmann, NABU

Und den Tieren geht schlicht die Nahrung aus, denn es fehlen Insekten. Der NABU beobachtet das bereits seit 15 Jahren. "Schwalben und Segler ernähren sich vom Luftplankton, also von durch den Wind aus einem großen Einzugsgebiet in hohe Luftschichten verfrachteten und dort gleichmäßig verteilten Insekten“, so Lachmann. Für die gleiche Menge an Futter müssen sie nun fünfmal so weit fliegen. Verantwortlich für das Insektensterben sind Unkraut- und Insektengifte, so die Antwort der Bundesregierung.

“Die Situation der Vögel ist dramatisch“, kommentierte die Grünen-Politikerin Steffi Lemke die Zahlen. “Es droht ein stummer Frühling.“ Der Bundesregierung warf sie vor, zu wenig gegen den Einsatz von Giften und Monokulturen in der Landwirtschaft zu unternehmen. Wie die Situation im Augenblick aussieht, könnten die nächsten Zahlen des NABU zeigen. Denn der hat wieder aufgerufen mitzuzählen, bei der bundesweiten “Stunde der Gartenvögel“ vom 12. bis 14. Mai 2017.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 04.05.2017 | 10:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 13:45 Uhr