Neue Studie zu Stickoxiden 107.000 Tote durch Dieselabgase

Wenn Autohersteller ihre Abgaswerte bei Diesel nicht einhalten, so ist das kein theoretisches Problem. Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass das ein praktisches, sogar tödliches Problem geworden ist. Über ein Drittel der Todesfälle durch Dieselabgase betrifft nicht eingehaltene Abgaswerte. Sie kosten jedes Jahr weltweit 38.000 Menschen das Leben – 11.400 davon in Europa.

Das wissenschaftliche Team um Susan Anenberg von der Organisation Environmental Health Analytics (LLC) in Washington beziffert erstmals die Folgen der aktuellen Dieselpolitik. Ihrer Studie zur Folge sterben weltweit 107.000 Menschen jährlich an Stickoxiden und Stickdioxiden durch Abgase von Dieselfahrzeugen. Die Wissenschaftler zeigen in einer Studie, die in der "Nature" veröffentlich wurde, dass weltweit 38.000 Menschen weniger sterben würden, wenn die Automobile die gesetzlichen Grenzwerte einhalten würden. In der EU sterben demnach 11.400 Menschen, weil die Autos in Wirklichkeit mehr verbrauchen als auf den offiziellen Messständen.

Der Diesel-Betrug kostet Menschenleben - jetzt wissen wir wieviele

Seit Beginn des Volkswagen-Abgasskandals vor zwei Jahren wurde nach und nach bekannt, dass viele Dieselfahrzeuge auf der Straße mehr Schadstoffe ausstoßen als auf dem Abgas-Prüfstand. Durch Systeme, die Abgase direkt im Straßenverkehr messen, konnte in einer Reihe von Untersuchungen festgestellt werden, wie groß der Mehrausstoß ist. Die Wissenschaftler errechneten, dass Dieselfahrzeuge jährlich rund 4,6 Millionen Tonnen Stickoxide mehr ausstoßen als sie nach geltenden Abgasgrenzwerten dürften.

Anenberg und Kollegen nutzten diese Ergebnisse und etablierte Modelle zur Ausbreitung von Schadstoffen, um den über den Grenzwerten liegenden Ausstoß und die Folgen für die elf größten Märkte für Dieselfahrzeuge abzuschätzen. Bei ihren Modellberechnungen unterschieden die Wissenschaftler nach Autos, Lkw und Bussen. "Der Schwerlastverkehr - größere Lkw und Busse - trug bei Weitem am meisten zu den überschüssigen Stickoxiden bei, nämlich zu 76 Prozent", sagt Josh Miller vom International Council on Clean Transportation (ICCT) in Washington, Mitautor der Studie.

Europa ist am schlimmsten betroffen

Lediglich in der EU ist die Situation demnach anders, da Diesel-Pkw dort erheblich weiter verbreitet sind: Dieselautos verursachen in den EU-Ländern etwa 60 Prozent des Mehrausstoßes an Stickoxiden pro Jahr. "Europa trägt unter den größten Automärkten die größte Gesundheitslast durch zusätzliche Stickoxid-Emmissionen", sagte ICCT-Experte und Mitautor Ray Minjares. Von den 28.500 vorzeitigen Todesfällen durch Stickoxide aus Dieselabgasen in der EU entfallen demnach rund 11.400 auf den Zusatzausstoß infolge nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte.

Als "überfällig" bezeichnet Benjamin Stephan von Greenpeace die Studie: "Sie stellt Daten zur Verfügung, die wir bisher in der Diskussion vermisst haben". Die Studie sei solide durchgeführt, allerdings fehlten genauere Angaben zu Autoklassen und -marken. Er erhofft sich durch die Studie einen anderen Schwerpunkt in der Aufarbeitung des Dieselabgas-Skandals. "Bisher stand oft der Betrug an den Autobesitzern im Mittelpunkt. Jetzt wird klar, welche Größenordnung der Skandal hat und welche Auswirkungen dies auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen hat."

Der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags zum Abgasskandal, der in Kürze veröffentlicht wird, spricht allerdings eine andere Sprache. Darin heißt es: "Epidemiologisch ist ein Zusammenhang zwischen Todesfällen und bestimmten NO2-Expositionen im Sinne einer adäquaten Kausalität nicht erwiesen". Dem widersprechen eine Reihe wissenschaftlicher Experten. So sagt Nino Künzli vom Schweizer Tropen- und Public-Health-Institut (TPH) in Basel: "Die Kombinationswirkungen von NO2 mit anderen immer präsenten Schadstoffen sind auch toxikologisch kaum erforscht, weshalb es auch nicht angemessen ist, NO2 per se als unbedenklich zu bezeichnen".

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell: im Radio |15.05.2017 | 17:01 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 13:52 Uhr