Amöben-Forschung Fette Einzeller sterben früher

Fettreserven gelten gemeinhin als überlebenswichtig. Walen dienen sie als Isolierschicht, Bären brauchen sie, um den Winterschlaf zu überstehen, und Zugvögel würden die langen Resien in den Süden ohne Fett auch nicht schaffen. Im Reich der Amöben allerdings scheint Fett keine Vorteile zu bringen. Im Gegenteil. Schlanke Einzeller stecken Extrembediungungen besser weg als fette. Das ist das überraschende Ergebnis einer Studie der Universität Kassel. Für die Untersuchung wurden Amöben benutzt, die sich im Waldboden von Bakterien ernähren und Nahrungsknappheit überstehen, indem sie pilzförmige Fruchtkörper bilden.

Dünne überstehen Hungerperiode

Im Experiment wurden Amöben mit und ohne Fettreserven ausgehungert. Genau wie in der Natur begannen die Amöben sich zu Fruchtkörpern zusammenzurotten. Um die verschiedenen Einzeller zu unterscheiden, hatten die Forscher sie farblich markiert. 24 Stunden dauert der Prozess, bis die Fruchtkörper gebildet werden. Dann zählten die Forscher nach und stellten fest: Die schlanken überlebten weitgehend, von den fetten blieben nur 20 Prozent übrig, vier Fünftel starben vorzeitig.

Die Amöbe Dictyostelium discoideum
In Zeiten knapper Nahrung bilden Zehntausende der sozial lebenden Einzeller einen vielzelligen Organismus. Bildrechte: Owen Gilbert/dpa

Überrascht von den Ergebnissen unternahmen die Forscher noch weitere Experimente. Dieses Mal ging es aber nicht um Hunger, sondern ein Überangebot an Nahrung. Sie untersuchten dazu Einzeller mit Gendeffekten, die es auch beim Menschen gibt und die zu gestörten Stoffwechsel und fehlendem Fettgewebe führen. Trotz der Überfülle an Nahrung nahmen diese Zellen nicht zu. Eine anschließende Fastenzeit überstanden sie aber problemlos.

Wir sind doch sehr verwundert, dass diese primitiven Einzeller Probleme zeigen, wie sie für überernährte Zivilisationen üblich sind, und müssen nun dringend herausfinden, welche molekularen Ursachen hinter der drastisch verkürzten Lebenserwartung der fetten Zellen stehen.

Prof. Markus Maniak, Zellbiologe, Institut für Biologie, Universität Kassel

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 18.07.2017 | 12:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2017, 08:51 Uhr