Einmal über den Bodensee fliegen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schöne Farbe, schlechter Zustand Gewässerfarbe spiegelt Seen-Sorgen

Einmal über den Bodensee fliegen
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Wenn Seen sich erwärmen, zeigt ihre Farbe ihren ökologischen Zustand, oder anders gesagt: Je grüner oder blauer ein See wirkt, um so wahrscheinlicher, ist es, dass das Gewässer ökologisch gesehen aus dem Gleichgewicht ist und es in der Nahrungskette hakt. Und wie fast immer in der Natur, signalisieren auch Seen mit grellen Farben, dass sie in Gefahr sind.

"Grüne Seen werden grüner, blaue Seen werden blauer", so umreißt Sttudienleiter Benjamin Kraemer vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei das Ergebnis einer Analyse von Satellitenbildern großer Seen aus den Jahren 2002 bis 2016. Die Farbe der Seen zeigt demnach die Folgen der Gewässererwärmung äußerlich an - nämlich in intensiveren Farben. Aber was passiert da genau im Wasser?

Grüner oder blauer See – was macht den Unterschied? 

Algenarten in grünen Seen haben kaum natürliche Verwerter. Das ist fatal, wie Benjamin Kraemer im Gespräch mit MDR Wissen erläutert: "Wenn sich ein grüner See aufwärmt, werden die Algen produktiver und vermehren sich unkontrolliert, weil weder Fische noch Insekten sich von ihnen ernähren." So können Algenblüten den Sauerstoffgehalt im Wasser so stark sinken lassen, dass die Fische ersticken.

Und im blauen See? Phytoplankton in blauen Seen dient Fischen und Insekten als Nahrung. Wenn sich ein blauer See aufwärmt, und sich das Phytoplankton dadurch stärker vermehrt, wird es von Fischen und Insekten zwar "geerntet" und in Schach gehalten, sodass kein übermäßiger Algenbefall entsteht - und der See wirkt blauer. Die Erwärmung macht den Algen im blauen See Gewässern aber zu schaffen, denn sie stört den für sie lebenswichtigen Wasserkreislauf. Kraemer erklärt: "Normalerweise werden Algen, die am Boden des Sees sind, mit der Wasserumwälzung als Nahrungsangebot nach oben getragen. Aber durch die See-Erwärmung mischt sich das Wasser schlechter, dadurch kommen Algen nicht an genügend Nährstoffe, was den See wiederum blauer erscheinen lässt." Dadurch wird die Nahrungskette im Wasser mehrfach unterbrochen, zum einen weil die Algen nicht zu den Nährstoffen an der Oberfläche kommen und zum anderen weil den Fischen dann die Algen zur Ernährung fehlen.

Ungewollt oder gewollt: Dünger im See

Problematisch für Seen sind Kraemer zufolge auch menschliche Eingriffe: Zum einen die ungeplanten, zum Beispiel durch Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff, die im Dünger für Äcker enthalten sind und durch Regenfälle in Flüsse und Seen geschwemmt werden. Zum anderen die Entscheidungen von Gewässermanagern, dem ökologischen Gleichgewicht mit Dünger oder Futter vermeintlich nachzuhelfen, wenn ein See nicht mehr genügend Fisch hergibt - das birgt nämlich unabschätzbare Risiken für das komplexe ökologische Gleichgewicht im Wasser.

Precision Farming. GPS kontrolliert werden Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel bedarfsgerecht auf die Äcker gebracht
Bildrechte: MDR/Bernadette Paassen

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 26.09.2017 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2017, 16:47 Uhr