Schreiadler
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Vogelschutz Schreiadler: Wenn Kain den Abel nicht mehr hackt

Es geht den Menschen wie den Vögeln: Die Geburt eines Geschwisterchens bringt Erstgeborene aus dem Gleichgewicht. So auch im Horst des Schreiadlers: Hier attackieren Erstgeschlüpfte den später Ausgebrüteten. Nur selten überlebt dieser zweite Vogel die Attacken. Nicht umsonst taufen Ornithologen die Brut des Schreiadlers nach dem biblischen Brüderpaar "Kain", der Erstgeborene und "Abel", der vom älteren Bruder erschlagen wird. Ein Vogelschutzprogramm nutzte den "Kainismus" erfolgreich.

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Die Deutsche Wildtierstiftung hat das Phänomen des "Kainismus" für ein Vogelschutzprogramm erfolgreich genutzt. Um den Fortbestand der Art - in Deutschland gibt es etwa 100 Brutpaare - langfristig zu sichern, entnahmen Forscher zwischen 2006 und 2011 in Brandenburg in den ersten Juniwochen jeweils das am wenigsten bebrütete Ei, bzw. den jüngeren Jungvogel aus den Horsten und zogen sie im Brutschrank einer Naturschutzstation auf. Zusätzlich wurden weitere "Abels" aus Horsten in Lettland in Brandenburg aufgezogen. Bei der Fütterung orientierten sich  die Forscher an Webkamera-Aufnahmen aus einem Schreiadlerhorst, um den natürlichen Rhythmus und "Speiseplan" der Schreiadleraufzucht möglichst exakt zu imitieren, so lange bis die Jungvögel entweder in künstliche oder alte Horste ausgewildert wurden. 49 Schreiadler wurden später mit kleinen 30 Gramm schweren Solar-GPS-Sendern ausgestattet, die Reisedaten von den Routen nach und in Afrika sowie zurück senden. So konnte verfolgt werden, wie sich die "Kains" und "Abels" in freier Wildbahn entwickelten.

Tödliche Reiserouten

Junge Schreiadler ohne Anschluss an Altvögel wählen den Beobachtungen zufolge ungünstige Reiserouten – nicht über den Bosporus, sondern den scheinbar direkten Weg übers Mittelmeer und ertrinken. Ein Vogel flog sogar über Südspanien und setzte  nach einer Schleife durch Portugal schließlich nach Afrika über. Der Tod eines anderen Schreiadlers aus dem Schutzprojekt offenbarte eine bislang unbekannte Risikostelle des Zugweges: Er verendete in einer Kläranlage in Sharm el Sheik. Kein Einzelfall, wie Nachforschungen ergaben, denn in der Anlage verenden jedes Jahr viele Zug- und seltene Greifvögel.  

Brutverhalten: Wo und wer?

Jungadler aus lettischen Horsten, die in Brandenburg aufgezogen wurden, kehrten nach dem Überwintern in Afrika nach Deutschland zurück. Ein 2009 in Lettland geschlüpfter Abel, der in Brandenburg großgezogen wurde, adoptierte 2013 selbst einen Schreiadler-Abel und zog 2014 schließlich einen eigenen Jungvogel auf.

Warum sind Schreiadler so selten?

Schreiadler sind erst mit fünf Jahren geschlechtsreif. Wenn sie ihre Jugend bis zur Geschlechtsreife überleben, legen sie meist nur zwei Eier. Hautpursache für den Rückgang der Schreiadler-Population ist der Eingriff des Menschen in ihren Lebensraum, durch verstärkte Land- und Forstwirtschaft.

Ein Schreiadler sitzt in der Voliere einer Vogelschutzstation
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Über dieses Thema berichtete MDR Fernsehen: LexiTV | 30.05.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2017, 09:00 Uhr